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Erzbistum Köln

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Aufbruch und Schriftlichkeit

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel ist im Heft "impulse" unter dem Titel „Aufbruch und Schriftlichkeit“ enthalten. Der vorliegende Artikel umfasst vier Seiten.

Der Beitrag zeigt, dass die Bibel Aufbrüche, Krisen und Neuanfänge nicht nur erzählt, sondern gerade durch Schriftlichkeit verarbeitet, deutet und für spätere Generationen bewahrt. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament wird deutlich, dass Verschriftlichung Identität sichert, Traditionen neu auslegt und Gemeinschaften in Zeiten des Umbruchs Orientierung gibt.

Der Fachartikel behandelt vor allem folgende theologischen Probleme: das Verhältnis von Offenbarung und menschlicher Schrift, die Bedeutung von Schriftlichkeit für Glauben und Tradition, die Frage nach Identität in Krisenzeiten, die Auslegung und Aktualisierung biblischer Überlieferungen sowie die Autorität biblischer Texte trotz ihrer geschichtlichen und vielstimmigen Entstehung.

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Der Artikel beschreibt die Bibel als ein ausgesprochen modernes Buch, weil ihre Texte immer wieder an neue geschichtliche, kulturelle und religiöse Situationen angepasst wurden. Die biblischen Schriften spiegeln grundlegende menschliche Erfahrungen wider und bleiben deshalb über lange Zeiträume hinweg bedeutsam. Entscheidend ist dabei, dass Zeiten der Veränderung, der Krise und des Aufbruchs nicht vergessen, sondern schriftlich festgehalten und gedeutet wurden. Schriftlichkeit erscheint im gesamten biblischen Zusammenhang als das Medium, das neue Anfänge ermöglicht und zugleich den Aufbruch reflektiert.

Im Alten Testament zeigt sich dies zunächst an der Geschichte Israels. Der Exodus aus Ägypten wird als grundlegender Aufbruch des Volkes verstanden. Dieser Aufbruch ist jedoch nicht nur ein historisches oder erzählerisches Ereignis, sondern wird unmittelbar mit Geboten und Gesetzen verbunden, die schriftlich festgehalten werden. Mose wird dabei zur zentralen Figur der Schriftlichkeit. Im Buch Exodus und noch deutlicher im Deuteronomium wird gezeigt, dass der Weg in die Freiheit und die Bildung einer gemeinsamen Identität an die Verschriftlichung der göttlichen Weisung gebunden sind. Das Volk kann auch nach dem Tod des Mose weitergehen, weil die entscheidenden Weisungen schriftlich vorliegen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte Israels entstehen biblische Texte immer wieder in Krisensituationen. Die Eroberung des Nordreichs durch die Assyrer, die Zerstörung Jerusalems und das Exil in Babylon sowie die Auseinandersetzung mit dem Hellenismus werden als geschichtliche Umbrüche beschrieben, die neue Formen des Nachdenkens und Schreibens auslösen. In solchen Situationen dient die Verschriftlichung dazu, die Identität des Volkes zu sichern und ältere Traditionen neu zu deuten. Die biblischen Texte wollen dabei nicht einfach Tatsachen berichten, sondern Orientierung geben, Geschichte deuten und Auslegungswege eröffnen.

Besonders in der Exilszeit wird deutlich, dass Schriftlichkeit dem Überleben des Glaubens dient. Ohne Land, ohne Tempel und ohne politische Selbstständigkeit gelingt es Israel, durch das Schreiben und Neuinterpretieren seiner Überlieferungen seine religiöse Identität zu bewahren. Auch die Prophetenbücher zeigen, dass biblische Traditionen nicht starr sind. Sie werden in Schulen von Gelehrten aufgenommen, weiterentwickelt und unterschiedlich akzentuiert. Dadurch bleibt die Vielstimmigkeit erhalten. In der Zeit des Hellenismus werden die Texte erneut überarbeitet und treten in einen Dialog mit der griechischen Kultur und Philosophie. So entsteht eine Bibel, die nicht als direkt diktiertes Wort Gottes erscheint, sondern als Sammlung von Texten, die in Gemeinschaften erarbeitet, diskutiert und auf neue Herausforderungen hin ausgelegt wurden.

Für das Neue Testament beschreibt der Artikel eine ähnliche Dynamik. Auch die ersten christlichen Gemeinden leben in Krisen und Umbrüchen. Die erwartete Wiederkunft Jesu bleibt aus, in den Gemeinden entstehen praktische und theologische Konflikte, und zugleich stehen die Christinnen und Christen unter dem Druck ihrer Umwelt. In dieser Situation gewinnen schriftliche Texte große Bedeutung. Vor allem die Briefe des Paulus dokumentieren, wie Gemeinden ihre Identität finden und auf konkrete Probleme reagieren. Die Briefe verschweigen Konflikte nicht, sondern benennen sie offen und suchen nach tragfähigen Lösungen. Gerade darin werden sie zu Zeugnissen eines echten Aufbruchs.

Am Beispiel der Korintherbriefe zeigt der Artikel, dass Paulus pragmatische und gemeinschaftsbezogene Antworten auf schwierige Fragen gibt. Es geht ihm darum, die Einheit der Gemeinde zu fördern und zugleich das Leben in der nicht christlichen Umwelt verantwortbar zu gestalten. Die Schriftlichkeit hält also nicht nur Probleme fest, sondern eröffnet Wege, mit ihnen umzugehen. Dadurch wird sie zu einem Instrument der Erneuerung.

Auch die Evangelien entstehen aus Krisen und Neuorientierungen heraus. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zu Jesus wird die Frage drängender, wer Jesus eigentlich war und wie seine Bedeutung für Gegenwart und Zukunft zu verstehen ist. Die Evangelien antworten darauf nicht einfach mit neutraler Geschichtsschreibung. Vielmehr spiegeln sie die theologischen Schwerpunkte und Herausforderungen ihrer jeweiligen Gemeinden. Das Matthäusevangelium betont die Auslegung der Tora, das Lukasevangelium nimmt soziale Fragen in den Blick, und das Johannesevangelium entwickelt eine stark eigene theologische Sprache. Die Evangelien verbinden die Erinnerung an Jesus mit den konkreten Konflikten ihrer Entstehungszeit und schaffen so Orientierung für neue Aufbrüche.

Am Ende betont der Artikel, dass das Christentum nicht nur deshalb eine Schriftreligion ist, weil es heilige Schriften besitzt, sondern weil seine Entwicklung wesentlich durch Schriftlichkeit geprägt wurde. Die Bibel ist dialogisch, vielstimmig und offen für neue Auslegungen. Gerade darin liegt ihre bleibende Bedeutung. Zwar verliert sie dadurch den Charakter einer einfachen, direkt von Gott diktierten Autorität, doch gewinnt sie eine andere Form von Autorität, nämlich die Autorität menschlich reflektierter Glaubenserfahrung. Biblische Texte bleiben deshalb aktuell, weil sie nicht fertige Antworten liefern, sondern Menschen dazu anregen, in neuen Situationen weiterzudenken und neue Aufbrüche zu wagen.

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