Der Artikel behandelt die Negative Theologie als theologische Tradition, die die Unverfügbarkeit und Transzendenz Gottes gegenüber allen menschlichen Begriffen und Vorstellungen betont. Biblische Wurzeln dieser Tradition finden sich in Texten wie der Namensverweigerung an Moses, dem Kultbildverbot und der prophetischen Bilderkritik. Im frühen Christentum entwickelte sich Negative Theologie zunächst als Religionskritik gegen heidnische Kulte, wurde aber durch Gregor von Nazianz auch zur theologiekritischen Ressource innerhalb des Christentums selbst. Dionysius Areopagita prägte die christliche Tradition entscheidend, indem er die verneinende Rede von Gott der bejahenden als überlegen erklärte. Das IV. Laterankonzil 1215 kodifizierte diese Einsicht in der Formel, dass die Unähnlichkeit zwischen Gott und Geschöpf immer größer sein muss als die Ähnlichkeit. In der mittelalterlichen Mystik, besonders bei Meister Eckhart, erhielt Negative Theologie mystagogischen Charakter und wurde zum Weg der Gotteseinigung. Der Artikel verweist auf aktuelle Relevanz: empirische Studien zeigen, dass viele Jugendliche einen personalen Gottesglauben ablehnen, was möglicherweise die Überwindung anthropomorpher Gottesbilder darstellt. Negative Theologie mahnt zur Vorsicht vor einer unkritischen Affirmation von Gottesvorstellungen und bewahrt die Theologie vor einer Überaffirmation. Der Artikel skizziert auch Kontroversen, Anwendungen in verschiedenen theologischen Disziplinen sowie Anknüpfungspunkte für interreligiöses Lernen und politische Theologie.