Der Artikel analysiert das Verhältnis zwischen Ethik und Religion im Kontext interreligiösen Lernens, ausgehend vom Weltethos-Projekt von Hans Küng. Ein zentrales Argument ist, dass ethische Konzepte immer durch weltanschauliche und religiöse Überzeugungen geprägt sind, weshalb eine autonome, von Religion unabhängige Ethik zwar möglich aber unvollständig ist. Der Artikel betont, dass das Ethos jeder religiösen Tradition aus ihrer eigenen theologischen Grundlegung erwächst und nicht einfach als Teilmenge der Religion verstanden werden kann. Es werden zwei grundsätzliche Begründungsmodelle theologischer Ethik unterschieden: offenbarungstheologische Ansätze (wie in der islamischen Theologie) und anthropologisch-autonome Zugänge (in modernen christlichen Ethiken). Beide können theonom sein, das heißt Gott als Grund der Vernunft anerkennen. Der Autor warnt davor, Toleranzappelle zu verabsolutieren, da sie der inneren Logik von überzeugten Weltanschauungen widersprechen. Stattdessen plädiert er für einen verantworteten Pluralismus, der am Wahrheitsanspruch festhält, während er andere ethische Positionen ernst nimmt. Werte werden als Elemente gelebter Praxis verstanden, die Weltdeutungen spiegeln und zwischen Gruppen mit gemeinsamen Weltverständigungen geteilt werden. Für religiös-ethische Lehr- und Lernprozesse folgt daraus die Notwendigkeit, die jeweilige religiöse Begründung von Ethik transparent zu machen und kritisch zu problematisieren.