Der Artikel von Karlo Meyer untersucht Ambiguität als didaktisches und theologisches Problem im Religionsunterricht. Meyer zeigt auf, dass religiöse, soziale und ethische Fragen grundsätzlich ambig sind, während schulische Aufgaben in naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereichen üblicherweise eindeutige Lösungen ermöglichen. Gesellschaftlich lässt sich eine Verbreitung von Ambiguität beobachten, etwa durch die Auflösung binärer Kategorien und traditioneller Gewissheiten, worauf gleichzeitig fundamentalistische Strömungen mit dogmatischen Festlegungen reagieren. Der Begriff Ambiguität wird von Wörn in fünf verschiedene Erklärungslogiken differenziert: als sprachliches Medium, kognitives Phänomen, psychische Erfahrung, Wirklichkeitsstruktur und handlungsorientiertes Ergebnis sozialer Praktiken. In der Theologie entstehen Ambiguitäten durch die Unverfügbarkeit Gottes sowie durch die Mehrdeutigkeit religiöser Erfahrungen und deren sekundäre Verarbeitung in Traditionen und Dogmen. Religionspädagogisch ist eine Auseinandersetzung mit Ambiguitätstoleranz und Ambiguitätsmanagement unerlässlich, um Fundamentalismus zu vermeiden und komplexe soziale sowie religiöse Phänomene angemessen zu verstehen. Die empirische Ambiguitätsforschung basiert auf sozialpsychologischen Studien von Frenkel-Brunswik, die Ambiguitätsintoleranz mit autoritären Erziehungsstilen verband und zeigen konnte, dass diese zu Schwarz-Weiß-Denken führt. Insgesamt argumentiert Meyer dafür, dass die didaktische Reflexion von Ambiguität eine Kernaufgabe des modernen Religionsunterrichts darstellt.