Für die gegenwärtigen Fragen nach der Ehelosigkeit der Priester angesichts der mit der Missbrauchskrise neu entfachten Diskussionen ist eine Motivarchäologie unerlässlich. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass die Ehelosigkeit nur von der Tugend der Jungfräulichkeit her verstanden werden kann, in der sich wiederum eine zeichenhafte Zugehörigkeit zur ewigen Wirklichkeit Gottes ausdrücken soll. Der Zugehörigkeitsgedanke wird positiv aufgegriffen; gleichzeitig wird aber gefragt, ob für die Amtsträger in der Kirche eine derartige Zugehörigkeit nur und ausschließlich durch die Ehelosigkeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Es ist eine eigene Herausforderung, sich als Theologe und verheirateter Mann dem Thema Zölibat zu widmen.1 Zwei Anfragen drängen sich unmittelbar auf: Die erste betrifft das Selbstverständnis als Theologe, die zweite richtet sich an den eigenen kirchlichen ‚Stand‘ und die damit möglicherweise verbundenen Legitimitätsprobleme. Der große amerikanische Theologe Avery Dulles SJ hat die Orientierung der theologischen Methodik und ihrer verschiedenen Stilrichtungen mit Blick auf die Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als post-kritisch etikettiert.2 Darin ist nicht nur die Ablösung von einer gewissermaßen rein modernistisch agierenden kritischen oder von einer retroscholastisch anmutenden antikritischen Theologie ausgedrückt, sondern auch ein eigentümlich dialektisches Selbstverständnis von Theologie berührt: Theologie reflektiert kritisch auf Glaube und Kirche, aber auch selbst-kritisch auf ihren eigenen Auftrag und ihr Agieren. Ihr ist zudem eine konstruktive, den Glauben bestärkende Rolle zugedacht, die in bestimmten Umständen auch apologetische Elemente aufnehmen darf. Dabei hat die postkritische Attitüde, so Dulles, auch ihre eigenen Gefahren zu bedenken; denn mit dem kritischen Paradigma war einerseits ein produktiver Reflexionsdruck verknüpft, mit dem antikritischen Modell andererseits ein hoher begrifflicher Exaktheitsund Rationalitätsstandard: „The critical program has been under attack for at least a generation, not only in theology but also in philosophy, science, history, and literary criticism. The collapse of that program carries with it certain dangers, especially for theology. The critical program undergirded the not inconsiderable theological achievements both of liberal Protestantism and of various 1 Der vorliegende Text ist die Ausarbeitung eines Referats, das den Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmern