Die spirituelle Identität ist in Bewegung. Der Beitrag geht den sich daraus ergebenden religionswissenschaftlichen Anfragen an die Genese von Individualreligiosität und den entsprechenden Herausforderungen für die Theologie nach. Er zeigt ein Theoriemodell der Genese spiritueller Identität als Lebens-Weg-Navigation auf, mit dem die Ergebnisse von Feldstudien die in München, Vilnius, Seoul und New York durchgeführt wurde, exemplarisch dargestellt werden können. Aufgrund dieser in religionswissenschaftlicher Perspektive beschriebenen Grundstukturen lassen sich theologische Herausforderungen formulieren. Die größte Herausforderung ist es, die Perspektive der Navigation zu akzeptieren. Theologische Inhalte müssen für Sinnkarten zur Navigation adaptierbar werden. Diese ersten Konkretisierungen münden in die Forderung einer Theologie der bedingungslosen Zuwendung. Die spirituelle Identität ist in Bewegung – sowohl die Konzepte, um sie zu fassen, wie auch die Inhalte, auf die sie sich bezieht. Plausibilitätsstrukturen und Weltsichten verschiedener Religionen und alternativer Spiritualitäten, die sich im Zuge von Globalisierungs- und Migrationsprozessen begegnen, führen dazu, dass auch die Vorstellungen, Traditionen und Rituale im Umgang mit Religion und Spiritualität plural geworden sind. Daraus ergeben sich religionswissenschaftliche Anfragen an die Genese von Individualreligiosität und Herausforderungen für die Theologie, denen dieser Artikel nachgeht. Dabei bezieht er sich auf die Daten meiner religionswissenschaftlichen Studie zur „Spirituellen Identität in einer interreligiösen Welt.“1 Einleitend wird die (1) Ausgangslage und Methode der Studie erläutert, um dann das entwickelte (2) Theoriemodell der Genese spiritueller Identität als Lebens-Weg-Navigation aufzuzeigen, mit der die (3) Ergebnisse der Feldstudien in München, Vilnius, Seoul und New York exemplarisch dargestellt werden können. Daran anschließend können (4) kultur- und religionsübergreifend nachweisbare Grundstrukturen aufgezeigt werden, die in der spirituellen Anamorphose als Prozessziel beschreibbar sind. (5) Aufgrund dieser in religionswissenschaftlicher Perspektive beschriebenen Grundstukturen lassen sich theologische Herausforderungen formulieren: 5.1 Perspektivenwechsel: Vom Bild der Wahrheit zum suchenden Menschen, 5. 2 Meditation statt Gottesdienst? Suche nach Verortungsfunktionen, 5.3 Von Ewigen Wahrheiten zu „spirituellen Helden“, 5.4 Pastoral: Von „lebenslang“ zu „Oase“?, 5.5 Vermeintliche Komfortzone: Radikalisierung durch Selbstabschließung gegenüber Außenperspektiven, 1 Martin Rötting, Navigation. Spirituelle Identität in einer interreligiösen Welt. Eine empirische Studie zur Genese von Individualreligiosität im pluralen Kontext religiöser Organisationen. Fallstudien aus München, Vilnius, Seoul und New York, Habilitationsschrift eingereicht im Februar 2018, Ludwig-Maximilians Universität München, unveröffentlicht.