Marie-Jo Thiel unternimmt mit ihrem Werk „L´Église catholique face aux abus sexuels sur mineurs" eine umfassende theologische Analyse des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Sie versteht diese Krise nicht nur als externes Problem, sondern als tiefe Erschütterung der Kirche selbst, die sich wie in einem Spiegel einem dunklen Gesicht gegenübersieht. Die Theologin und Medizinerin verbindet dabei unterschiedlichste Perspektiven und Disziplinen, um die strukturelle Tiefe des Versagens offenzulegen.
Der Arbeitsgang folgt einer systematischen Logik: Zunächst wird eine historische Kontextualisierung geboten, die Pädophilie, psychiatrische Entwicklungen und die Entfaltung von Kinderrechten als UNO-Konvention verflicht. Darauf aufbauend werden rechtliche Rahmenbedingungen und kirchenrechtliche Bestimmungen analysiert, insbesondere unter französischem Fokus. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Opfern – ihre Traumatisierungen, psychischen und physischen Leiden sowie spirituellen Desorientierungen werden ebenso untersucht wie Fragen nach pastoraler Begleitung und ritueller Aufarbeitung. Parallel dazu erfolgt eine Analyse der Täter unter Berücksichtigung genetischer, hormonaler, neurologischer und kultureller Faktoren, woraus eine Täter-Typologie entwickelt wird. Thiel plädiert dabei dafür, dass Therapie präventiv einsetzen muss.
Nach dieser interdisziplinären Grundlegung wendet sich Thiel spezifisch dem Missbrauch durch Klerus und religiöse Akteure zu. Sie untersucht exemplarisch zehn Länder (USA, Kanada, Chile, Australien, Frankreich, Irland, Deutschland, Österreich, Niederlande, Belgien) und identifiziert zentrale Muster: den zeitlichen Abstand zwischen Erkenntnis und Aufklärung, systematische Verdrängung durch kirchliche Hierarchien unter dem Vorwand, „die Kirche zu schützen", die Kombination verschiedener Missbrauchsformen mit Machtmissbrauch sowie die entscheidende Rolle außerkirchlicher Initiativen, mutiger Opfer und demokratischer Gesellschaftselemente bei der Offenlegung. Die katholische Kirche verliert durch diese Krise ihre Glaubwürdigkeit als moralische Institution – besonders deshalb, weil sie mit hohem moralischen Anspruch auftritt. Zukünftige Analysen müssen laut Thiel auch die Rolle von Laien, öffentlicher Anteilnahme und notwendigen Mentalitätswechseln berücksichtigen.