Matthias Katsch, Sprecher des Eckigen Tisches und Überlebender von sexuellem Missbrauch durch Jesuiten-Patres am Berliner Canisius-Kolleg, hat seine Erfahrungen dokumentiert. Seine persönliche Katharsis beginnt 2005 mit einer unerwarteten Begegnung mit einem seiner Peiniger, die ihn zwingt, das Tabu der Stille zu brechen. Was folgt, ist nicht nur eine persönliche Befreiung, sondern die Erkenntnis, dass Privates politisch werden muss, um gesellschaftliche Veränderungen zu ermöglichen.
Zentral für Katschs Kritik ist der institutionelle Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen. Zehn Jahre nach der öffentlichen Skandalisierung verzögert die Kirche systematisch die notwendige Aufarbeitung und nutzt ihre umfassenden Privilegien, um sich staatlicher Kontrolle zu entziehen. Da juristische Verfolgung zumeist verjährt ist, fordert Katsch eine unabhängige Wahrheitskommission. Stattdessen behält die Kirche die Kontrolle über Aufarbeitung und Entschädigung in ihren eigenen Händen. Ein besonders gravierender Skandal ist die Praxis, belastende Personalakten nach Rom zu senden, wo sie im Vatikan verschwinden, während Täter zwischen Bistümern oder sogar Kontinenten versetzt werden und ihr Missbrauchsmuster fortsetzen können.
Katsch kritisiert auch den deutschen Staat für mangelnden Druck auf kirchliche Institutionen. Exemplarisch nennt er Papst Benedikt XVI.s Bundestags-Rede 2011, ein Jahr nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle, die ohne kritische Stellungnahme mit Applaus honoriert wurde. Die fehlende Gewaltenteilung in der kirchlichen Hierarchie verhindere bislang wirksame Reformen. Besonders problematisch ist die mangelnde Partizipation von Laien – den eigentlichen Subjekten der Kirche – bei Entscheidungsprozessen. Katschs Hoffnung auf den Synodalen Weg bleibt ambivalent. Ein Wendepunkt zeigt sich, als Papst Franziskus 2019 die Bischofskonferenzen zur Konferenz über Missbrauch einberuft – ein symbolischer Fortschritt. Doch die Opfervertreter werden nicht eingeladen, sodass die „Machtzyniker im Vatikan" die Kontrolle behalten.