Die Autorin berichtet von ihrem Forschungsaufenthalt in Argentinien und Chile und beleuchtet theologische Denkweisen, die sich grundlegend von europäischen Perspektiven unterscheiden. Zentral ist die Erkenntnis, dass praktische Theologie in Lateinamerika methodisch als „gelebte Theologie" verstanden wird – nicht als akademisches Konzept, sondern als konkrete Haltung und Lebenspraxis, die den Einsatz für Menschen in prekären Situationen widerspiegelt. Dies zeigt sich besonders in der Option für die Armen, die nicht nur Forschungsthemen prägt, sondern den Lebensstil der Theologinnen und Theologen selbst bestimmt.
Das Thema Synodalität wird in Lateinamerika intensiv und kontrovers diskutiert. Während offizielle Positionen Synodalität als „spirituelle Hermeneutik des Hörens" beschreiben, fordern junge Synodale konkrete Mitbestimmung ein. Ein Manifest junger Katholikinnen und Katholiken offenbart tiefe Enttäuschung: Viele verlassen die Kirche wegen mangelnder Anerkennung ihrer Lebenssituationen, fehlender Glaubwürdigkeit nach Missbrauchsskandalen und ausbleibender Partizipation. Besonders bemerkenswert ist die kritische Frage, die sich aus dem Vergleich zwischen dem deutschen Synodalen Weg und lateinamerikanischen Erfahrungen ergibt: Wer spricht für wen, und wer bestimmt, welche Erfahrungen und Fragen relevant sind? Diese Frage offenbart strukturelle Machtverhältnisse innerhalb der Weltkirche.
Ein zweites Phänomen ist die „Pastoral Villera", eine befreiungstheologisch geprägte Bewegung, die sich den Armutsvierteln Buenos Aires widmet – nicht an den Rändern der Megacity, sondern mittendrin. Diese Pastoral entstammt der Priesterbewegung „Sacerdotes para el Tercer Mundo", deren Mitglieder auch politische Verfolgung erlitten haben.