Die Autoren untersuchen die Frage, ob es eine spezifisch „ostdeutsche" Bibelauslegung gibt, und präsentieren dabei ihre Forschungen zur katholischen Predigtreihe „Das Wort an die Gemeinde" aus den 1970er Jahren. Herausgegeben von Karljosef Lange im St. Benno-Verlag Leipzig, umfasste die Reihe 18 Bände mit Predigthilfen zu den erneuerten Sonntags- und Feiertagsgottesdiensten nach dem Konzil. Die Autoren untersuchten diese einzige katholische Predigtreihe aus der DDR, in der Seelsorger aus der Praxis detaillierte Bibelexegesen und Meditationen verfassten – ein heute weitgehend vergessenes Werk, das bei seinem Erscheinen gute Aufnahme fand, aber bereits Ende der 1980er Jahre an Bedeutung verlor.
Das Forschungsprojekt zeigt, dass verschiedene Lebenswelten zu verschiedenen Fragen an biblische Texte führen. Im Kontext der katholischen „doppelten Diaspora" in der DDR erhielten Themen wie Exil, Diaspora, Krieg und Frieden eine besondere Resonanz. Biblische Konzepte von Diaspora konnten zur Deutekategorie für die eigene Minderheitensituation werden, etwa wenn Sehnsucht nach messianischem Frieden zum Gesprächsangebot an die nicht-christliche Mehrheitsgesellschaft wurde. Gleichzeitig zeigt sich ein fundamentaler Unterschied in der Wahrnehmung von „Freiheit": Während die westdeutschen 1968er als Aufbruch in Freiheit gefeiert wurden, wurde Freiheit im Osten brutal unterbunden. Predigerpersönlichkeiten wie Wolfgang Luckhaupt vermittelten geschickt die Relevanz biblischer Texte im Kontext der DDR-Diktatur. Allerdings betonen die befragten Autorinnen und Autoren, dass ihr zentrales Anliegen primär darin bestand, die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils – besonders bezüglich der Wortverkündigung in der Liturgie – ins Ostdeutsche zu übersetzen und eine zeitgemäße Sprache für die biblische Botschaft zu finden.