Der Text dokumentiert die Übersetzungsarbeit an Etty Hillesums Tagebüchern und Briefen aus den Jahren 1941 bis 1943, die erstmals 2023 in vollständiger deutschsprachiger Fassung im Beck Verlag erschienen. Hillesum war nicht nur Chronistin ihrer Zeit, sondern strebte danach, Schriftstellerin zu werden. Ihr Werk zeichnet sich durch einen ausgeprägten literarischen Stil aus, der auf der Metaebene reflektiert und während des Schreibprozesses weiterentwickelt wurde. Dies stellte die Übersetzerin vor die zentrale Herausforderung, nicht nur Inhalte zu transportieren, sondern auch die formalen Eigenheiten Hillesums zu bewahren.
Der Text illustriert Hillesums charakteristische Stilmittel anhand konkreter Beispiele: Sie arbeitet mit Personifikationen (wie „kaputtlebende" Krokusse), schöpft neue Wortformen („Durchgangsheim für die großen Gefühle") und nutzt ungewöhnliche Sprachbilder. Die Übersetzerin dokumentiert ihre bewusste Entscheidung, diese Eigenheiten nicht zu glätten, um Hillesums unverwechselbare Ausdrucksweise zu erhalten – auch wenn dies die deutsche Leserschaft gelegentlich irritiert. Sie beleuchtet auch Herausforderungen wie die Unterscheidung zwischen direkter Selbstansprache und allgemeinen Aussagen sowie die Bewahrung grammatikalischer Fehler als authentische Merkmale des Originalwerks. Besonders interessant ist der Hinweis auf deutschsprachige Passagen im Tagebuch selbst, die zeigen, dass Hillesum auf Deutsch korrespondierte und Literatur las. Die Übersetzungsarbeit wird damit als literarisches Unterfangen dargestellt, das Treue zum Originalwerk mit Verständlichkeit für deutschsprachige Leser balanciert.