Das Medium „Geheime Reichssache? Was die Deutschen im Reich über den Holocaust wussten“ von Wolf Kaiser ist ein umfangreiches Unterrichtsmaterial des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Im Zentrum steht die kontroverse Frage, welche Kenntnisse die deutsche Bevölkerung während der Zeit des Nationalsozialismus über die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden besitzen konnte und welche Verantwortung sich daraus ergibt. Das Material macht deutlich, dass eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Wissen der Bevölkerung anhand der Quellen nicht möglich ist und deshalb ein differenziertes historisches Urteil erforderlich wird. Thematisiert werden unterschiedliche Möglichkeiten der Informationsgewinnung, darunter öffentliche Äußerungen nationalsozialistischer Funktionäre, offizielle Sprachregelungen, ausländische Medien, Flugblätter, persönliche Briefe und zeitgenössische Tagebücher. Dabei wird herausgearbeitet, dass Informationen über Massenmorde grundsätzlich zugänglich waren, während das gesamte Ausmaß des Holocaust während des Krieges offenbar nur von wenigen Menschen erkannt wurde. Zugleich waren Diskriminierung, öffentliche Gewalt und Deportationen für die Bevölkerung sichtbar. Das Medium enthält zwei ausgearbeitete Unterrichtsmodule. Für die Sekundarstufe I stehen insbesondere Tagebuchaufzeichnungen im Mittelpunkt. Für die Sekundarstufe II wird ein breiteres Spektrum unterschiedlicher Quellengattungen eingesetzt.
Für den Religionsunterricht eignet sich das Medium besonders für Unterrichtseinheiten zu Antisemitismus, Holocaust, Schuld, Verantwortung, Gewissen, Menschenwürde, Zivilcourage und Erinnerungskultur. Seine besondere didaktische Stärke liegt darin, dass Lernende nicht lediglich historische Informationen aufnehmen, sondern selbst mit Quellen arbeiten und zu begründeten Urteilen gelangen müssen. Die Leitfrage nach dem Wissen der Deutschen sollte dabei bewusst als offene Problemfrage eingeführt werden. Das Material selbst betont, dass die Quellen keine einfache und abschließende Antwort ermöglichen. Gerade diese Offenheit besitzt einen hohen didaktischen Wert, da Lernende lernen können, unterschiedliche Aussagen zu vergleichen, Widersprüche auszuhalten und historische Urteile auf der Grundlage begrenzter Quellen zu formulieren. Das Material bezeichnet diese Fähigkeit ausdrücklich als Entwicklung von Ambiguitätstoleranz. Für die Sekundarstufe I bietet sich ein Einstieg mit dem Tagebucheintrag von Anna Haag vom Dezember 1941 an. Ausgehend von ihrer Befürchtung, die deportierten jüdischen Menschen könnten ermordet werden, können Lernende zunächst Fragen formulieren: Was konnte Anna Haag wissen? Woher konnte sie Informationen erhalten? Was war Wissen, was Vermutung und was Gerücht? Anschließend können verschiedene Tagebuchauszüge arbeitsteilig untersucht werden. Das Medium schlägt hierzu eine Gruppenarbeit vor, in der sechs Quellengruppen bearbeitet und anschließend unter drei zentralen Fragen zusammengeführt werden: Was wussten die jeweiligen Zeitgenossen, woher bezogen sie ihre Informationen und wie reagierten sie darauf? Diese Struktur lässt sich für den Religionsunterricht sehr gut übernehmen. Die Lernenden können ihre Ergebnisse beispielsweise in einer Tabelle mit den Kategorien Person, Information, Informationsquelle, Bewertung und Reaktion festhalten. Dadurch wird sichtbar, dass Wissen allein noch keine Handlung hervorbringt. Genau an dieser Stelle kann eine religionspädagogische Vertiefung ansetzen: Welche moralische Verantwortung entsteht aus Wissen? Wann wird Schweigen problematisch? Welche Bedeutung besitzen Gewissen, Mitgefühl und Verantwortung für das eigene Handeln? Für die Sekundarstufe II empfiehlt sich eine komplexere Quellenarbeit. Das Medium unterscheidet öffentliche Äußerungen nationalsozialistischer Funktionäre, offizielle Sprachregelungen, ausländische Medien, Briefe sowie zeitgenössische Aufzeichnungen. Die Lernenden können als Expertengruppen jeweils eine Quellengruppe untersuchen und anschließend die Aussagekraft ihrer Ergebnisse miteinander vergleichen. Dabei sollte nicht nur gefragt werden, welche Informationen vorhanden waren, sondern auch, wie zuverlässig, konkret und zugänglich sie waren. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Wissen, Vermutung, Gerücht, Propaganda und bewusster Verschleierung. Das Material zeigt beispielsweise, dass öffentliche Äußerungen die Vernichtung ankündigten, zugleich aber konkrete Angaben über Orte und Formen des Mordens vermieden wurden. Informationen konnten außerdem über die BBC, alliierte Flugblätter sowie Briefe von Menschen gewonnen werden, die im Osten eingesetzt waren. Methodisch eignet sich deshalb eine Quellenmatrix, in der die Lernenden Informationsquelle, Inhalt, Glaubwürdigkeit, Zugänglichkeit und mögliche Konsequenzen eintragen. Eine anschließende Positionierung zur Aussage „Wir haben nichts gewusst“ sollte nicht als einfache Abstimmung gestaltet werden. Sinnvoller ist eine Skala zwischen Zustimmung und Ablehnung, auf der jede Position mit mindestens zwei Quellen begründet werden muss. Das Material sieht für die Sekundarstufe I ebenfalls eine abschließende Stellungnahme zu dieser Aussage vor. Für den Religionsunterricht ist darüber hinaus der Transfer von historischer Erkenntnis zu ethischer Urteilsbildung besonders ergiebig. Das Medium stellt selbst die Frage, wie Menschen heute auf Informationen über Verbrechen gegen die Menschlichkeit reagieren. Lernende können deshalb diskutieren, welche Verantwortung aus dem Wissen über Unrecht entsteht und welche Faktoren Menschen davon abhalten, einzugreifen. Dabei sollten historische Situationen jedoch nicht vorschnell mit gegenwärtigen Konflikten gleichgesetzt werden. Stattdessen können strukturelle Fragen nach Wahrnehmung, Verdrängung, Gleichgültigkeit, Angst, Anpassung, Mitverantwortung und Zivilcourage gestellt werden. Eine weitere Vertiefung bietet die Arbeit mit unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten. Lernende können untersuchen, welche Möglichkeiten Menschen im Nationalsozialismus tatsächlich besaßen, welche persönlichen Risiken damit verbunden waren und warum nur wenige diese Möglichkeiten nutzten. Das Medium greift diese Frage ausdrücklich auf und verbindet sie mit der Verantwortung gegenüber gegenwärtigem Unrecht. Aus religionspädagogischer Perspektive können daran Vorstellungen von Menschenwürde, Nächstenliebe, Gewissen, Schuld und Verantwortung angeschlossen werden. Wichtig ist dabei eine sensible Unterrichtsgestaltung, die Opfer nicht lediglich als Gegenstand moralischer Beispiele behandelt und die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen nicht relativiert. Ebenso sollte vermieden werden, Lernende vorschnell mit der Frage zu konfrontieren, wie sie selbst damals gehandelt hätten. Didaktisch ergiebiger ist die quellenbezogene Frage, welche Handlungsspielräume konkrete historische Personen hatten und welche Entscheidungen sie tatsächlich trafen. Als Abschluss können die Lernenden ein begründetes historisches und ethisches Urteil verfassen, in dem sie die Frage beantworten, in welchem Sinn der Holocaust als ein „offenes Geheimnis“ bezeichnet werden kann und welche Bedeutung Wissen für persönliche und gesellschaftliche Verantwortung besitzt. Das Medium ermöglicht damit eine Verbindung von historischer Quellenarbeit, ethischer Reflexion und religionspädagogischer Urteilsbildung.
Der Einstieg kann über ein Zitat aus dem Tagebuch der Schriftstellerin Anna Haag aus dem Jahr 1941 erfolgen, in dem sie sich fragt, was mit den deportierten Jüdinnen und Juden passiert. Der Tagebucheintrag zeigt die Ahnungen und Befürchtungen der jungen Frau und führt direkt zu der Frage nach dem Wissen weiter Bevölkerungsteile und dem Umgang mit diesem Wissen. Alternativ dazu kann der Einstieg in der Sekundarstufe II mit den Erinnerungen einer Fotografin über die Reaktion von Frauen aus der Weimarer Bevölkerung bei dem Besuch des erst kurz zuvor befreiten Konzentrationslagers Buchenwalds erfolgen. Diese behaupteten vehement, von dem Konzentrationslager und den Grausamkeiten gegen Gefangene nichts gewusst zu haben und provozierten damit heftigen Widerspruch befreiter KZ-Häftlinge.
Beide Einstiege regen ein Unterrichtsgespräch über die Wahrscheinlichkeit, nichts von den Verbrechen bemerkt zu haben und über Funktion und Bedeutung von Wissen und Unwissenheit sowie das Prinzip der Schuldabwehr an. Die so aufgekommenen Fragen und Vermutungen sollen im Anschluss im Rahmen einer fünfteiligen Gruppenarbeit mithilfe der unterschiedlichen Quellen erarbeitet werden. Dieses Quellenmaterial besteht aus öffentlichen Äußerungen von NS-Führern, offiziellen Sprachregelungen, ausländischen Medienberichten, Briefen von Tätern und Zuschauern, aber auch aus Autorentexten zur Dokumentation und Reflexion der Informationen der zeitgenössischen Quellen, sodass ein Gesamtüberblick über die Situation und das Wissen der Deutschen zu Konzentrationslagern und Shoah entsteht. Abschließend werden Ergebnisse präsentiert und die Verantwortung der deutschen Bevölkerung wird diskutiert.