Juliane Link entwickelt ausgehend von Irmtraud Fischers Werk eine innovative Lesart des ersten Schöpfungsberichts, die dessen polare Struktur produktiv nutzt. Der biblische Text organisiert die Schöpfung durch explizit genannte Gegensatzpaare wie Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Land und Meer. Links zentrales Argument besteht darin, dass zwischen diesen Polen ein großer Raum von Phänomenen und Lebensformen liegt, die unbenannt, aber mitgemeint sind – ein „hermeneutischer Zwischenraum". Durch wiederholte poetische Elaborationen zeigt sie, dass die Schöpfung voller solcher Grenzfälle ist: Dämmerung zwischen Tag und Nacht, Morgentau zwischen Himmel und Erde, Wattenmeer zwischen Land und Meer, fliegende Fische und Pinguine zwischen ihren vermeintlichen Kategorien.
Diese Beobachtung wendet Link konsequent auf die Erschaffung der Menschheit an. Der Text nennt explizit „männlich und weiblich", doch auch hier öffnet sich ein weiter Zwischenraum von Möglichkeiten, der nicht benannt, aber von Gott mitgemeint ist. In dieser Logik finden Menschen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten, transgender und intergeschlechtliche Menschen ebenso ihren Platz wie Menschen mit nicht-heterosexuellen Orientierungen. Alle werden als Ebenbild Gottes geschaffen, ohne dass Gott ihre Identität oder Neigung in Frage stellt oder kategorisiert. Der Text endet mit einem inklusiven Segen für „alle" und betont Zärtlichkeit und gegenseitige Fürsorge statt reproduktiver Normativität – eine radikale Neuakzentuierung des biblischen Schöpfungsauftrags.