Der Artikel behandelt die religionsdidaktische Herausforderung, wie Schüler/-innen in der Sekundarstufe II angemessen mit der Theodizeefrage – dem Zusammenhang von Gott und Leid in der Welt – umgehen können. Die Autorin identifiziert ein Desiderat in der bisherigen Religionsdidaktik: Während konzeptionelle Zugänge zur Theodizee vorhanden sind, fehlt es an einer systematisch-fachlichen Vermittlung zwischen abstrakten Theodizee-Erklärungstheorien und lebensweltnahen Anwendungssituationen. Das Forschungsprojekt folgt dem Ansatz der fachdidaktischen Entwicklungsforschung des Dortmunder Modells FUNKEN und nutzt das didaktische Konstrukt der "bedeutungsstiftenden Anforderungssituation". In drei iterativen Design-Experimenten (15-stündiges Lehr-Lernarrangement) wurde in gymnasialen katholischen Religionskursen in Nordrhein-Westfalen eine Unterrichtsreihe durchgeführt, untersucht und modifiziert. Die Unterrichtsreihe nutzt Auszüge aus den Biografien von Samuel Koch (Tetraplegiker seit 2010) und dem verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief als begleitendes Medium. Diese fremd-biographischen Leidbeispiele konfrontieren die Lernenden mit verschiedenen realen Leidformen. Mithilfe perspektivierender Anwendungs- und Transfermethoden (z.B. Briefe schreiben, Rollenspiele, Lerntagebucheinträge) werden von den Schülern/-innen erarbeitete Theodizee-Erklärungstheorien im Horizont realer Krisensituationen angewendet, überprüft und beurteilt. Zum Abschluss kam die Geschichte der syrischen Schülerin Doaa Al Zamel (Flüchtlingsthematik) als neue Anforderungssituation hinzu. Die empirischen Zwischenergebnisse zeigen: Die Exemplarität und Unterschiedlichkeit der Leidbeispiele fungieren als relevante Lernbegleiter. Besonders für Schüler/-innen ohne eigene tiefgreifende Leiderfahrungen bieten die realen Anforderungssituationen eine entscheidende Rolle. Die Lernenden denken während ihrer Erörterungs- und Abwägungsprozesse die Aspekte der Theodizee-Erklärungstheorien bewusst mit Fallbeispielen zusammen und reflektieren reflektiert die Grenzen ihrer Anwendbarkeit. Durch die Vermeidung eines Lernens an eigenen Leiderfahrungen ermöglicht der emotionale Distanzaufbau erst die produktive Verknüpfung zwischen abstrakter Theorie und lebensweltnaher Krisensituation.