Das Planspiel eignet sich besonders für die Sekundarstufe I und II und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für den Religionsunterricht. Themen wie Frieden, Versöhnung, Menschenrechte, kulturelle Vielfalt, Identität, Solidarität und Verantwortung können aus religiöser und ethischer Perspektive vertieft werden. Methodisch basiert das Material auf handlungsorientiertem und kooperativem Lernen. Die Lernenden arbeiten sich zunächst in ihre Rollen ein, analysieren Interessenlagen und entwickeln Strategien für die Verhandlungen. Anschließend treten sie in Dialog mit anderen Akteuren, schließen Bündnisse, suchen Kompromisse und vertreten ihre Positionen in den politischen Gremien. Besonders gewinnbringend ist die Reflexion über die Frage, welche Werte Europa zusammenhalten und welche Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Nationen notwendig sind. Im Religionsunterricht können die Verhandlungen durch biblische Impulse zu Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung und Gemeinschaft ergänzt werden. Ebenso bieten sich Vergleiche zwischen europäischen Grundwerten und christlichen Vorstellungen von Menschenwürde und Solidarität an. Die Mediengruppe ermöglicht zusätzlich die Förderung von Medienkompetenz und Perspektivwechsel. In der abschließenden Auswertung reflektieren die Lernenden ihre Erfahrungen und setzen diese mit aktuellen Debatten über Europa, Migration, Identität und internationale Zusammenarbeit in Beziehung. Das Planspiel fördert politische Urteilsfähigkeit, Dialogkompetenz, Empathie und die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Fragestellungen differenziert zu betrachten.
Der Einstieg gelingt über die Einarbeitung in die Rollenkarten. Die Rollenkarten sind sehr umfangreich mit zum Teil mehreren Seiten und geben die Beziehungen zu anderen Ländern der EU sowie zu den Beitrittskandidaten an. Auch eine Taktik zu Erreichen der angegebenen Ziele ist enthalten.
Im ersten Treffen werden die gegenseitigen Positionen und Standpunkte zu den Beitrittsverhandlungen ausgetauscht.
Die Beitrittsländervertreter verfassen ihre Beitrittsanträge mit entsprechenden Argumenten. Dann wird ermittelt, welche der Beitrittskandidaten zu Verhandlungen eingeladen werden. Sie müssen bestimmte wirtschaftliche und andere Kriterien erfüllen.
Daraufhin beginnen die Verhandlungen. Diese können in Ausschüssen zu jedem Beitrittskandidaten oder im Plenum erfolgen. Die Verhandlungen schließen mit einer Abstimmung. Das Material arbeitet mit fünf Beitrittskandidaten.
Das Szenario konzentriert sich auf sieben weitere beitrittswillige Länder: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien und die Türkei. In der ersten Phase nach den Erweiterungen von 2004 und 2007 haben alte und neue Mitgliedsstaaten erste Erfahrungen mit den Chancen und Problemen der Zusammenarbeit in der großen EU der 27 gesammelt. Zusammen sind sie nun nach der Aufnahme von Kroatien im Jahr 2013 erneut mit der Entscheidung über die Aufnahme weiterer Mitglieder in die EU konfrontiert, denn alle verbleibenden sieben Staaten Südosteuropas haben angekündigt, sobald wie möglich einen Antrag auf Mitgliedschaft einzureichen. Die Institutionen der EU mit derzeit 28 Mitgliedsstaaten sind nun gefordert, auf diese historische Situation zu reagieren und in einem konfliktreichen Umfeld die notwendigen Entscheidungen für die nächste Erweiterungsrunde zu treffen. Soll die EU weitere Mitglieder aufnehmen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Und wann?
Szenario
Das Szenario beschreibt die Ausgangslage der Verhandlungen über eine mögliche Erweiterung der Europäischen Union. Die Lernenden setzen sich mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen eines EU Beitritts auseinander. Thematisiert werden unter anderem die Zukunft Europas, die Aufnahmefähigkeit der Europäischen Union, die Situation auf dem Balkan, die Rolle der Türkei sowie Fragen von Frieden, Sicherheit und Integration. Das Szenario dient als gemeinsame Wissensgrundlage für alle Beteiligten.
Europäische Kommission
Die Gruppe der Europäischen Kommission vertritt die Interessen der Europäischen Union als Ganzes. Die Lernenden erarbeiten die Aufgaben und Ziele der Kommission und entwickeln Vorschläge für die Erweiterungspolitik. Sie moderieren Verhandlungen und versuchen, Kompromisse zwischen den unterschiedlichen Akteuren zu fördern. Eine vorbereitete Eröffnungsrede dient als Einstieg in das Planspiel.
Rat der Europäischen Union
Die Lernenden übernehmen die Rollen der Außenministerinnen und Außenminister der Mitgliedstaaten. Jede Rolle verfügt über eigene Interessen, nationale Positionen und politische Ziele. Im Unterricht analysieren die Gruppen ihre Länderpositionen, entwickeln Verhandlungsstrategien und suchen Bündnispartner. Anschließend vertreten sie ihre Positionen in den Verhandlungen des Rates.
Vertretene Mitgliedstaaten
Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Vereinigtes Königreich, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Zypern.
Europäisches Parlament
Die Lernenden arbeiten in unterschiedlichen Fraktionen des Europäischen Parlaments. Jede Fraktion vertritt eigene politische Vorstellungen zur Erweiterung der Europäischen Union. Die Gruppen diskutieren ihre Positionen, entwickeln Änderungswünsche und verhandeln mit anderen Fraktionen und Institutionen. Dadurch erleben die Lernenden die politische Vielfalt innerhalb Europas.
Enthaltene Fraktionen
Europäische Volkspartei
Sozialdemokratische Fraktion
Allianz der Liberalen und Demokraten
Grüne und Europäische Freie Allianz
Europäische Konservative und Reformer
Vereinte Europäische Linke
Europa der Freiheit und der direkten Demokratie
Fraktionslose Abgeordnete
Beitrittswillige Staaten
Diese Rollen übernehmen Lernende aus den Kandidatenstaaten. Sie präsentieren die Fortschritte ihrer Länder, werben für einen Beitritt und reagieren auf Kritik der Mitgliedstaaten. Dabei lernen sie die Perspektive von Staaten kennen, die Mitglied der Europäischen Union werden möchten.
Kandidatenstaaten
Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Türkei.
Mediengruppe
Die Mediengruppe beobachtet die Verhandlungen, führt Interviews, erstellt Berichte und berichtet über den Verlauf des Gipfels. Dadurch wird die Bedeutung von Öffentlichkeit und Medien für politische Prozesse erfahrbar.
Materialien im Anhang
Der Anhang enthält zahlreiche fachliche Hintergrundmaterialien:
Chronologie der europäischen Integration
Informationen zum Türkei Abkommen
Informationen zum Austritt aus der Europäischen Union
Kopenhagener Kriterien
Beitrittsgesuch und Aufnahmeverfahren
Aufnahmevertrag
Ländersteckbriefe aller Beitrittskandidaten
Vorschläge zur Rollenvergabe
Storybook zum Planspiel
Ablaufplan
Hinweise für die Spielleitung
Hinweise zur Medienarbeit
Übersicht über den gesamten Ablauf des Planspiels
Diese Materialien dienen der fachlichen Vorbereitung, der Rollenarbeit und der Reflexion.
Typischer Unterrichtsablauf
1. Einführung
Die Lernenden beschäftigen sich mit der Geschichte der Europäischen Union, den Erweiterungsrunden und den Herausforderungen einer möglichen Aufnahme weiterer Staaten.
2. Rollenarbeit
Die Gruppen lesen ihre Rollenprofile, analysieren Interessen und entwickeln Verhandlungsstrategien. Dabei werden nationale und politische Perspektiven sichtbar.
3. Fraktions und Delegationssitzungen
Die Lernenden beraten innerhalb ihrer Gruppen über gemeinsame Ziele und mögliche Bündnisse.
4. Verhandlungen
Im Rat, im Parlament und in Gesprächen mit den Beitrittskandidaten werden unterschiedliche Positionen diskutiert und Kompromisse gesucht.
5. Medienarbeit
Die Mediengruppe veröffentlicht Berichte, führt Interviews und informiert die Öffentlichkeit über den Stand der Verhandlungen.
6. Beschlussfassung
Die europäischen Institutionen entscheiden über die Bedingungen und den möglichen Zeitpunkt einer Erweiterung.
7. Reflexion im Religionsunterricht
Besonders ergiebig sind Fragen wie:
Welche Werte verbinden Europa?
Welche Verantwortung tragen wohlhabende Staaten gegenüber ärmeren Nachbarn?
Wie können Frieden und Versöhnung nach Konflikten gelingen?
Welche Bedeutung haben Menschenrechte und Menschenwürde für Europa?
Wie lassen sich nationale Interessen und Solidarität miteinander verbinden?
Dadurch wird das Planspiel zu einem wichtigen Lernfeld für politische Bildung, Friedensethik, Menschenrechtsbildung und christliche Sozialethik.