Der Artikel von Erna Zonne-Gätjens verbindet eine empirisch gesättigte Fallstudie mit theoretischer Reflexion und konkreten Handlungsempfehlungen zur Frage, wie Religionspädagogik und Inklusion zusammengedacht werden können. Ausgangspunkt ist eine integrative Gruppe in einer evangelischen niedersächsischen Kindertagesstätte, in der vier Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf betreut werden. Die vier Kinder – Melek (jezidischer Glaube, motorische Beeinträchtigung), Lukas (Down-Syndrom, nicht sprechend, russischsprachiges Elternhaus), Matthew (schwere körperliche Beeinträchtigung, noch drei Jahre bis zur Einschulung) und Lasse (Entwicklungsverzögerung, Verhaltensauffälligkeiten, dänischsprachiges Elternhaus) – stehen exemplarisch für die Vielfalt an Bedürfnissen, die eine inklusive Pädagogik zu bewältigen hat. Zonne-Gätjens analysiert diese Situation aus drei Perspektiven: Aus integrationspädagogischer Sicht funktioniert die Gruppe auf einem Grundniveau, da Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam Zeit verbringen und soziales Lernen stattfindet. Aus sonderpädagogischer Sicht mangelt es an strukturierter, zielgerichteter Förderung, an klaren Zuständigkeiten und an einem nachvollziehbaren Einsatz der Heilpädagogin. Aus inklusionspädagogischer Sicht wird deutlich, dass kooperatives Lernen kaum stattfindet, Sprachförderung außerhalb des Gruppenraums erfolgt und Kinder wie Lukas und Matthew weitgehend von Gruppenaktivitäten ausgeschlossen bleiben. Religionspädagogisch besonders auffällig ist, dass die jezidische Glaubenstradition, der Melek angehört, weder im Kindergartenalltag noch im Gottesdienst thematisiert wird. Interreligiöses Lernen findet faktisch nicht statt, obwohl die Gruppe dafür günstige Voraussetzungen böte. Die Autorin plädiert für mehrdimensionale religiöse Lernangebote, die nicht allein kognitiv ausgerichtet sind, sondern auch leibliche, nonverbale und kreative Ausdrucksformen einschließen. Als pragmatische Vorschläge benennt sie die Einführung individueller Förderpläne für alle Kinder, den Ausbau kooperativer Lernsituationen nach Vygotsky, die aktive Thematisierung religiöser Diversität im Gruppenalltag sowie eine enge Kooperation zwischen Kita, Schule und Glaubensgemeinschaft beim Übergang ins Schulsystem.