Bernhard Grümme analysiert die Kindertheologie als einen der dynamischsten Strömungen der gegenwärtigen Religionspädagogik und stellt die kritische These auf, dass diese Forschungsrichtung bislang stillschweigend von impliziten Voraussetzungen ausgeht, die insbesondere marginalisierte und bildungsferne Schüler ausschließen. Er zeigt anhand des Beispiels eines Fünftklässlers aus benachteiligtem Umfeld, dass die typischen Forschungsszenarien der Kindertheologie davon ausgehen, dass Kinder über elaborierte sprachliche Codes, religiöse Reflexionskompetenz und ungebrochene Motivation zum Theologisieren verfügen. Dies trifft jedoch für bildungsferne Kinder nicht zu, die mit restringierten Codes operieren und unter Bedingungen von Armut und soziokultureller Marginalisierung aufwachsen. Grümme nutzt die kultursoziologischen Theorien von Pierre Bourdieu und die soziolinguistischen Forschungen von Basil Bernstein, um nachzuweisen, dass Habitus und Code sozial strukturiert sind und Kinder aus bildungsfernen Milieus durch die mittelschichtsorientierte Kindertheologie ungewollt in ihren Milieus festgehalten werden, statt sie zu emanzipieren. Er kritisiert damit einen vermeintlich ideologieneutralen pädagogischen Diskurs als strukturell diskriminierend. Als konzeptionelle Lösung entwickelt Grümme eine „kritisch-marginalitätssensible Kindertheologie", die vier Kennzeichen hat: (1) Sie ist ideologiekritisch und reflektiert ihre eigene Standortgebundenheit im bildungsbürgerlichen Milieu. (2) Sie verbindet Akteurs- und Strukturperspektive und bezieht dabei das Lebenslagenkonzept der Kindheitsforschung ein. (3) Sie ist emanzipatorisch und advokatorisch ausgerichtet, also orientiert an Paulo Freires Befreiungspädagogik. (4) Sie ist kontextuell und bringt Kindertheologie in Dialog mit einer Theologie der Kindheit sowie mit politischer Theologie. Für die didaktisch-methodische Umsetzung schlägt Grümme vor: (1) Ganzheitlichkeit durch Überwindung kognitiver Engführung mittels handlungs- und produktionsorientierter Verfahren; (2) Advokatorisch-ermutigendes Handeln, das besonders diejenigen ermutigt, die sich selbst nichts zutrauen; (3) Heterogenitätsfähigkeit, die die jeweiligen individuellen Zugangsweisen und gesellschaftlich-ökonomischen Lebenslagen berücksichtigt. Abschließend betont Grümme die Notwendigkeit eines interdisziplinären Dialogs mit Pädagogik, Armutsforschung und Resilienzforschung.