Theorien können sich ausweisen, indem sie sich dem gültigen Paradigma verpflichten und dieses in einem Feld (des Wissens) durchbuchstabieren. Sie können auch in der Praxis nützlich sein. Theorien können darüber hinaus bisherige Lösungsstrategien hinterfragen, indem sie Zusammenhänge herstellen und dadurch Probleme neu bearbeiten. Selten gelingt es, allen drei Gütekriterien zu genügen: Praxisrelevanz geht oft zulasten innertheoretischer Qualitäten – und umgekehrt. In der Theologie hat die Rezeption der Philosophie zweifelsohne ihre diskursive Kohärenz gesteigert; die theologische Rezeption der Soziologie war hingegen praxisrelevanter. Gleichwohl steht der empirischen Soziologie die Replikationskrise noch bevor, während Nachbardisziplinen wie die Psychologie dieselbe bereits hinter sich haben, ihr Wissen ist von daher gefestigter. Mit seiner Neuerscheinung gelingt dem renommierten Anthropologen und Verhaltensforscher Michael Tomasello eine „systematisch-theoretische Darstellung der Evolution individueller Entscheidungsprozesse und Verhaltenssteuerungen“, die allen oben genannten theoretischen Gütekriterien genügt. Sie fußt im Sinne des empirischen Paradigmas auf belastbarem Wissen; sie ist praxisrelevant durch ihren Fokus auf Verstehenshilfen für gelingendes Handeln bei Mensch und Tier und sie räumt mit dem Behaviorismus die Verengung auf lineares Verhalten als simples Reiz-Reaktionsmuster zur Seite, um Handlungen theoretisch angemessener zu beschreiben. Es handelt sich um einen Beitrag zur evolutionären Psychologie, der dem Ziel verpflichtet ist, „den evolutionären Pfad zum psychologischen Handeln des Menschen zu rekonstruieren“. Entscheidend dafür sind die Nachweise unterschiedlicher, „aufeinander aufbauender“ Handlungstypen: von zielgerichteten Wirbeltieren über intentional operierende Säugetiere und rationale Menschenaffen bis hin zum Typus des sozial-normativ agierenden Menschen. Interessanterweise ersetzt Tomasello dabei die übliche These von steigender Komplexität in Richtung des menschlichen Verhaltens durch die These von differenzierter Kontrolle (im Sinne von zielbezogenen Rückkopplungen) des Verhaltens unter den Bedingungen einer je unvorhersehbaren Umwelt. Sein Credo: Nicht nur Menschen, sondern alle Lebewesen haben Ziele (z.B. Nahrungssuche oder Partnerwahl) und müssen dazu mit ihren spezifischen Anpassungsproblemen in der Welt fertig werden. Man könnte sagen: Bei Menschen qualifiziert sich eine gelingende Handlungseinheit nicht durch ihre Absicht, nicht einmal durch ein gewisses rationales Kalkül, sondern durch die gemeinsame Verfolgung eines Ziels im Sinne eines Werts. Der Zustand der Welt von heute wundert von daher nicht – überall dominieren Eigeninteressen bzw. Partikularabsichten, engstirniges Kalkül; es fehlt an übergreifender Kooperation im Sinne der von Tomasello als typisch menschlich beschriebenen sozial-normativen Handlungsorientierung. Wo sich Menschen unterhalb ihrer spezifischen Möglichkeiten verhalten, überrascht es nicht, dass sie sich keine kulturellen Fähigkeiten mehr aneignen (oder von ihnen Gebrauch machen), die für das Funktionieren des Menschen als Spezies in einer unvorhersehbaren Umwelt entscheidend sind. Bei Menschen entscheidet hauptsächlich das Wie über das Was ihrer Handlungen und deren Erfolgsaussichten. Alle Lebewesen sind in ihrer Verhaltensorganisation auf unterschiedliche Stile evolutionär angelegt. Im Blick auf den Menschen ist das eine empirisch ernst zu nehmende Erinnerung an seine soziale Natur – sei sie philosophisch konstruiert (Aristoteles), soziologisch positioniert (als methodologischer Anti-Individualismus) oder theologisch situiert (qua Geschöpflichkeit); hier ruht für die Wissenschaft eine Art interdisziplinäre Aussöhnung ums Menschliche und für die Religion eine Befriedung der ideologischen Opposition zwischen Evolution und Schöpfung. Will man an Theorien evolutionärer Psychologie interdisziplinär vermehrt anschließen und sie über ihren Bezugsrahmen hinaus gebrauchen, ist ihr Sieg über den Behaviorismus kaum relevant. Entscheidender ist, dass solche Theorien für ihre Handlungsorientierung kybernetische Modelle benutzen, die seit den 1980er Jahren bekannt sind und eigentlich stets auf das variable Selbst (seiner Operationen) abzielten, statt es wie hier als Konstante (unabhängig seiner Operationen) einfach vorauszusetzen. Wo Unklarheiten beim Ist-Zustand des „Handlungsagenten“ bestehen, liegt theoretischer Überarbeitungsbedarf vor, wie der Soll-Zustand menschlichen Handelns als sinnvoll angegeben, ja erreicht und gesichert werden könnte – und wann das nicht der Fall ist und was das als negative Rückkopplung für den Menschen, seine Welt und die Evolution bedeutet – womöglich eine überfällige Umprogrammierung von Zielen und entsprechender Wertewandel? Welche evolutionären Plausibilitätsschwellen sind zu berücksichtigen, damit die Erfolgsaussichten menschlichen Handelns steigen? Eine wichtige Rückfrage an Tomasello und seine Theorie sowie zur Orientierung menschlichen Handlungsbedarfs. Von den Eidechsen zum Menschen Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder Berlin: Suhrkamp Verlag. 2024 239 Seiten m. s-w Abb. 34,00 € ISBN 978-3-518-58812-3