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Freiheit – ist die einzige, die zählt?

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Fachartikel ist im Heft ru heute enthalten unter dem Titel: „Freiheit – ist die einzige, die zählt?“. Er umfasst die Seiten 31 bis 35 und hat damit einen Umfang von fünf Seiten. Clauß Peter Sajak reflektiert Freiheit als religionspädagogischen Schlüsselbegriff vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Krisenerfahrungen von Freiheit und einer neuen Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit. Er erschließt Freiheit theologisch, verortet sie bildungstheoretisch und zeigt fachdidaktisch, wie Freiheit in religiösen Bildungsprozessen im Sinne der Korrelation zwischen Lebenserfahrung und Glaubenstradition zum Thema werden kann.

Theologisch behandelt der Artikel vor allem diese Probleme: die Bestimmung von Freiheit zwischen Autonomie und Gottesbezug, die Begründung menschlicher Würde und Freiheit aus Gottebenbildlichkeit und Schöpfung, die Frage nach Freiheit angesichts politischer und kultureller Freiheitsverluste, die Beziehung von Freiheit und Gnade sowie die religionsdidaktische Herausforderung, Freiheit so zu thematisieren, dass sie nicht moralisch verkürzt, sondern existentiell und theologisch verstehbar wird.

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Der Artikel setzt mit einem kulturdiagnostischen Einstieg ein, der Freiheit als Epochenwort problematisiert. Ausgehend von dem Lied Freiheit von Marius Müller Westernhagen wird erinnert, wie stark Freiheit 1990 im Kontext von Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Ostblocks als Aufbruchsbegriff gefeiert wurde. Demgegenüber beschreibt der Text eine Gegenwart, in der Freiheit als Leitwort an Strahlkraft verloren hat. In Gesellschaft wird Vielfalt zwar weiterhin programmatisch betont, zugleich gewinnen identitäre und exklusivistische Strömungen an Einfluss. Politisch sei eine Bewegung weg von freiheitlicher Demokratie hin zu autokratischen Modellen erkennbar, und ökonomisch sei seit der Finanzkrise 2008 die Idee freier Märkte als Wohlstandsversprechen diskreditiert. An die Stelle von Freiheit trete vielerorts das Bedürfnis nach Ordnung und Sicherheit. Gerade deshalb bleibt Freiheit für religiöse Bildung nicht erledigt, sondern als anthropologisches Grundmoment weiterhin zentral, auch wenn neurowissenschaftliche Debatten den Freiheitsbegriff herausfordern.

Vor diesem Hintergrund verortet der Autor Freiheit im religionspädagogischen Diskurs. Er erinnert an die Tradition, Freiheit als anthropologisches Existential im Anschluss an Karl Rahner zu verstehen. Rahner hat pastoraltheologisch vier Grundkategorien entfaltet, die als Leitideen menschlicher Existenz Sinn, Freiheit, Liebe und Hoffnung markieren. In der Religionspädagogik des Jugendalters wurden diese Leitideen als Lebensthemen aufgenommen, die die Sehnsucht und Selbstdeutung junger Menschen prägen. Freiheit ist damit nicht das einzige Thema, aber eines der zentralen Schlüsselthemen, an das religiöse Bildungsprozesse anknüpfen müssen. Der Artikel nimmt sich daher vor, Freiheit aus drei Perspektiven zu beleuchten: theologisch, bildungstheoretisch und religionsdidaktisch. Als Zugänge dienen poetische Texte, die den Begriff der Freiheit existentiell öffnen.

In der theologischen Perspektive wird Freiheit zunächst als modernes Autonomieverständnis beschrieben, wie es Jugendliche häufig verbinden mit Selbstbestimmung und der freien Gestaltung des eigenen Lebens. Dieses Verständnis ist geprägt durch die Aufklärung und die kantische Idee, sich selbst Gesetz zu geben. Politische Freiheitsrechte wie Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit werden als Errungenschaften genannt, deren Verletzlichkeit angesichts jüngerer Entwicklungen in Europa sichtbar werde. Für eine theologische Konzeption ist die Integration dieses modernen Freiheitsdenkens notwendig, zugleich reicht Theologie weiter, weil sie Autonomie in den Horizont göttlicher Freiheit stellt. Freiheit wird als Analogie verstanden, die aus der Gottesebenbildlichkeit her gedacht werden kann. Der Mensch ist nicht letztlich aus sich frei, sondern Freiheit ist im Glauben zuerst von Gott her eröffnet. Gottes Gnadenhandeln wird als vorgängiger Ermöglichungsgrund beschrieben, der menschliches Handeln überhaupt erst ermöglicht und zugleich unverfügbar bleibt. Entscheidend ist dabei die Pointe, dass diese göttliche Ermöglichung den Menschen nicht determiniert oder einschränkt, sondern gerade den Raum eröffnet, in Freiheit Wege zu Heil, Befreiung und Erlösung zu suchen. Freiheit und Liebe werden dabei als existentiell verwandt gedeutet, kontingent und gefährdet, nicht einfach verfügbar. Als nicht kontingent erscheint allein die bedingungslose Liebe Gottes, aus der vor Gott eine Freiheit erwächst, die trägt.

In der bildungstheoretischen Perspektive wird Freiheit als Ermöglichungsgrund von Bildung bestimmt. Bildung wird verstanden als Fähigkeit zur reflexiven Distanz gegenüber Wirklichkeit, als kritische Auseinandersetzung und Mündigkeit. Damit verbindet der Autor klassische Bildungsideen mit kritischer Bildungstheorie, die nach dem Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts Bildung als Kraft zur Differenz und zum Widerstand fasst. Freiheit wird hier als Voraussetzung verstanden, einen Schritt zurückzutreten, zu unterscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Diese Einsicht wird exemplarisch am Höhlengleichnis Platons entfaltet. Bildung erscheint als Befreiung aus Unmündigkeit, als Umwendung und Aufstieg, der anstrengend ist und Entscheidungen verlangt. Entscheidend ist, dass Befreiung und Bildungsweg Freiheit voraussetzen, und dass der Gebildete sich wiederum frei entscheiden muss, ob er Erkenntnis mit anderen teilt und Verantwortung übernimmt. Poetische Texte wie das Freiheitsgedicht von Hilde Domin schärfen dabei den Blick darauf, dass Freiheit nicht glatt und bequem ist, sondern Mühe, Reibung und Widerständigkeit in sich trägt. Ergänzend wird auf bildungstheoretische Modelle verwiesen, die Religion als eigene Weise der Weltbegegnung verstehen, weil sie Grundkategorien und Deutungsmuster bereitstellt, um Wirklichkeit im Ganzen zu bedenken und sich dazu zu verhalten.

In der religionsdidaktischen Perspektive rückt Freiheit als Thema unterrichtlicher Bildungsprozesse in den Fokus. Der Autor greift das Gedicht Invictus auf, das in der Populärkultur als Hymne innerer Freiheit und Selbstbestimmung verbreitet ist und über den Film Invictus mit der Geschichte Nelson Mandelas verbunden wurde. Freiheit erscheint hier als innere Unabhängigkeit, als Standhalten, als Meisterschaft über das eigene Los. Diese existentielle Dimension innerer Freiheit wird als Anknüpfungspunkt gesehen, um Korrelationen zwischen heutigen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern und religiösen Traditionen zu eröffnen. Freiheit erschöpft sich nicht in Konsum oder äußerer Partizipation, sondern berührt Bedürfnislosigkeit und Unabhängigkeit, wie sie in vielen spirituellen Traditionen thematisiert wird. Der religionsdidaktische Schlüsselbegriff dafür ist Korrelation als Wechselbeziehung zwischen Lebenswelt und Glauben. Offenbarung wird als dialogisches Geschehen verstanden, historisch in der Begegnung Jesu mit Menschen und gegenwärtig im hermeneutischen Prozess des Verstehens durch den Hörer des Wortes. Religiöse Bildung zielt deshalb auf die freiheitliche Aneignung religiöser Botschaft und darauf, Leben im Licht des Glaubens und Glauben im Kontext des Lebens verstehbar zu machen. Daraus folgt die didaktische Konsequenz, Freiheit im katholischen Religionsunterricht immer wieder aufzugreifen, nicht um zu indoktrinieren, sondern um Schülerinnen und Schüler zur freien, verantwortlichen Urteils und Entscheidungsfähigkeit in religiösen Fragen zu befähigen. Gerade in einer Zeit, in der Freiheit politisch, gesellschaftlich und kulturell unter Druck gerät, gewinnt Freiheit als Thema religiöser Bildung neue Dringlichkeit.

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