Der Baustein führt in das Thema Straßenkinder als globale soziale Realität ein und macht von Beginn an deutlich, dass es sich nicht um Einzelschicksale, sondern um ein strukturelles Phänomen handelt, das eng mit Armut, Gewalt, Bildungsungleichheit, politischer Instabilität, Urbanisierung und globalen Wirtschaftsstrukturen verknüpft ist. Inhaltlich wird herausgearbeitet, dass Straßenkinder nicht nur „auf der Straße leben“, sondern sehr unterschiedliche Lebensformen haben: Kinder, die tagsüber arbeiten und nachts bei Familien schlafen, Kinder, die vollständig auf der Straße leben, sowie Jugendliche, die sich in losen Gruppen organisieren und eigene Überlebensstrategien entwickeln. Diese Differenzierung ist didaktisch zentral, weil sie pauschalisierende Vorstellungen aufbricht und die Jugendlichen dazu anleitet, genauer hinzusehen und vorschnelle moralische Urteile zu vermeiden.
Methodisch setzt der Baustein auf einen problemorientierten Einstieg, der häufig mit Bild- oder Textimpulsen arbeitet und gezielt Irritation erzeugt. Die Lernenden werden eingeladen, eigene Assoziationen, Vorannahmen und Bewertungen offenzulegen und diese anschließend kritisch zu prüfen. Dabei wird Straßenkindheit nicht romantisiert, aber auch nicht ausschließlich defizitär dargestellt. Neben Gefahren wie Gewalt, Drogen, Ausbeutung und fehlender medizinischer Versorgung werden auch Aspekte wie Solidarität unter Gleichaltrigen, Selbstorganisation und Überlebenskompetenzen thematisiert. Religionspädagogisch eröffnet sich hier die Möglichkeit, über ambivalente Lebensrealitäten zu sprechen und das biblisch-theologische Menschenbild gegen eindimensionale Opfer- oder Schuldzuschreibungen stark zu machen.
Ein zentraler didaktischer Schwerpunkt des Materials liegt auf der Ursachenanalyse. In arbeitsteiliger Gruppenarbeit oder mithilfe strukturierender Materialien setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit individuellen, familiären, gesellschaftlichen und globalen Ursachen von Straßenkindheit auseinander. Gewalt in Familien, Alkohol- und Drogenabhängigkeit der Eltern, fehlender Zugang zu Bildung, Arbeitslosigkeit, Landflucht, Bürgerkriege und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren Wechselwirkungen analysiert. Damit fördert der Baustein systemisches Denken und stärkt die Urteilskompetenz, indem deutlich wird, dass Straßenkindheit nicht durch individuelles Versagen entsteht, sondern Ausdruck struktureller Ungerechtigkeit ist.
Besonders tragfähig für den Religionsunterricht der Sekundarstufe I und II ist die explizite ethische Vertiefung. Der Baustein lädt dazu ein, Fragen nach Menschenwürde, Gerechtigkeit und Verantwortung ins Zentrum zu stellen. Jugendliche setzen sich mit der Spannung zwischen formalen Kinderrechten und realer Lebenswirklichkeit auseinander und reflektieren, warum Rechte oft nicht durchgesetzt werden. Hier lassen sich Bezüge zur christlichen Sozialethik, zur Option für die Armen und zur biblischen Kritik an ungerechten Strukturen herstellen, ohne moralisierend zu wirken. Der Baustein eröffnet vielmehr einen Raum, in dem eigene Positionen entwickelt, begründet und auch kontrovers diskutiert werden können.
Ein weiterer didaktischer Akzent liegt auf der Perspektive von Hilfe und Intervention. Am Beispiel der Arbeit von Don Bosco wird gezeigt, wie konkrete Unterstützungsangebote aussehen können und warum kurzfristige Hilfe allein nicht ausreicht. Das sogenannte Oratoriumsprinzip wird auch hier als ganzheitlicher Ansatz entfaltet: Schutzräume, Bildung, Gemeinschaft, Freizeit, religiöse und spirituelle Begleitung greifen ineinander und eröffnen langfristige Lebensperspektiven. Für ältere Schülerinnen und Schüler wird dabei besonders betont, dass Hilfe immer auch Beziehung bedeutet und dass nachhaltige Unterstützung Zeit, Vertrauen und professionelle Strukturen erfordert. Diese Einsicht wirkt vereinfachenden Vorstellungen von „schneller Hilfe“ entgegen und schärft das Bewusstsein für verantwortliches Engagement.
Didaktisch-methodisch ist der Baustein klar kompetenzorientiert angelegt. Er fördert Sachkompetenz durch fundierte Informationen und Differenzierungen, Urteilskompetenz durch Analyse und ethische Reflexion, sowie Handlungskompetenz durch die Auseinandersetzung mit realistischen Möglichkeiten des Engagements. Gleichzeitig wird Wert auf Selbstreflexion gelegt: Die Jugendlichen werden eingeladen, ihre eigene Position im globalen Gefüge zu reflektieren, Privilegien zu erkennen und die Grenzen individueller Verantwortung realistisch einzuschätzen. Damit entspricht das Material dem Beutelsbacher Konsens, da es nicht zu bestimmten Handlungen drängt, sondern zu informierter, reflektierter Urteilsbildung befähigt.
Insgesamt eignet sich der Unterrichtsbaustein für die Klassen 7–10 besonders für projektorientierte Unterrichtsformen, fächerübergreifende Zusammenarbeit (Religion, Ethik, Gesellschaftslehre, Geographie) sowie für Unterrichtseinheiten zu globaler Gerechtigkeit, Menschenrechten und sozialer Verantwortung. Er verbindet emotionale Betroffenheit mit analytischer Distanz, religiöse Deutung mit gesellschaftlicher Analyse und eröffnet Jugendlichen die Möglichkeit, Straßenkinder nicht nur als „Problem“, sondern als Teil einer gemeinsamen Welt wahrzunehmen, für deren Gestaltung sie mitverantwortlich sind.