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Gotthard Fuchs

Rezension: Ellen D. Fischer (Hg.): Simone Weil – Religiöse Schriften

Veröffentlichung:15.12.2025

Rezension der Veröffentlichung Simone Weil – Religiöse Schriften von Ellen D. Fischer (Hg.), erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Für alle, mindestens die, die pädagogisch tätig sind, könnten Simone Weils „Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums im Hinblick auf die Gottesliebe“ eine besondere Quelle der Inspiration sein. Pointiert schreibt die gestandene Philosophielehrerin über ihr Lebensthema, die absichtslose Aufmerksamkeit als Bedingung (und Ankunft) aller wahren Erkenntnis: „Ja, in dieser Hinsicht ist die Betrachtung der eigenen Dummheit vielleicht noch förderlicher als die Betrachtung der Sünde.“ (42) Unbedingte intellektuelle Redlichkeit lautet das Gebot, konkret heißt das: klare Begrifflichkeit, luzide Argumentation und selbstkritisches Bewusstsein im Blick auf Größe und Grenze der menschlichen Vernunft. „Die Präzision des Vokabulars war für Simone Weil ein moralisches Gesetz“, schrieb ihr Förderer Maurice Schumann – nicht zuletzt das macht die Faszination dieser radikalen Denkerin aus. Im letzten ihrer großartigen Tagebücher, schon aus dem Jahr ihres Todes 1943, resümiert Simone Weil: „Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten … Der Übergang zum Transzendenten vollzieht sich, wenn die menschlichen Fähigkeiten – Verstand, Wille,menschliche Liebe – an seine Grenzen stoßen und der Mensch auf dieser Schwelle verharrt, über die hinaus er keinen Schritt tun kann, und dies, ohne sich von ihr abzuwenden, ohne zu wissen, was er begehrt, und angespannt im Warten.“ Mit der zweimaligen Betonung des Wartens nagelt die unerbittliche Denkerin den fragenden Menschen förmlich fest auf den Schmerz der Endlichkeit, dieses illusionslose Innehalten auf der Schwelle zum begehrten Mehr und Anders. Diese (große) Transzendenz jenseits der Schwelle aber ist dem Menschen von sich aus unerschwinglich. Dass es so etwas wie „übernatürliche“ Liebe gibt und ein wirklich göttliches Gegen-Über, kann sich nur von dort einstellen und einleuchten – also überraschend, unbegreifbar, als Geschenk und Gnade. Und das gewinnt für Simone Weil immer mehr christliche Züge und sucht konkrete Gestalt. Damit reflektiert sie ihren eigenen Weg – philosophisch von der „Erwartung der Wahrheit“ religiös zur „Erwartung Gottes“. Mit ihrem ersten „mystischen“ Erlebnis in Assisi, wo sie „etwas, was stärker war (als sie), gezwungen hat, zum ersten Mal in ihrem Leben sich auf die Knie zu werfen“, findet sie 1938 zur Gewissheit Gottes. Drei Jahre später entdeckt sie das Gebet im Vaterunser, das einmal täglich mit vollster Aufmerksamkeit und ohne jede Ablenkung zu sprechen sei. Christus tritt in ihr Leben, wie sie im „Prolog“ eines geplanten Buches diskret beschreibt: ein großer Text zeitgenössischer Mystik. Ebenfalls im Winter 1941/42 rückt das Geheimnis der Eucharistie in den Mittelpunkt ihrer Spiritualität und ihrer (freilich höchst distanzierten) Kirchlichkeit: „Realpräsenz“ als Haltung. Vergleichbar der zeitgenössischen „Nouvelle Theologie“ geht es also um die „Erkenntnis des Übernatürlichen“ und das Geheimnis, das wir Gott nennen. Und der ist für die begeisterte Platonikerin „das höchste Gut(e)“, nichts als selbstlos schöpferische Liebe, die sich bis zum Äußersten zurücknimmt und so Raum schafft für das Andere ihrer selbst, die Welt und den Menschen. Deshalb freilich kann Gott „nur“ im Modus der Abwesenheit in allem gegenwärtig sein, verborgen und entzogen, indirekt aber zugänglich – besonders in den Erfahrungen von Schönheit und Unglück, von Nächstenliebe und Freundschaft sowie im Heiligen der Religionen. Gemäß diesem Gesamtkonzept von (Religions-)Philosophie lassen sich soziologisch-politische, philosophische und eben religiöse Schriften unterscheiden (aber nicht trennen). Entsprechend werden hier wichtigste religiösen Texte Simone Weils kompakt auf Deutsch vorgelegt – eine wirkliche Pioniertat. Zwar wird oft die „klassische“ Übersetzung von Friedhelm Kemp übernommen; erfreulicherweise aber werden so entscheidende Texte wie der „Brief an einen Ordensmann“ in völlig neuer Übersetzung präsentiert (und dazu dessen Erstfassung) – Schlüsseltexte für Simone Weils Verständnis von Christentum und ihre Kritik an der real existierenden katholischen Kirche. Dokumentiert werden besonders ihre einschlägigen Texte aus den letzten drei Lebensjahren, die ausdrücklich an andere adressiert sind und im Unterschied zu den Tagebüchern Öffentlichkeit suchen. Dazu gehören natürlich klassische Texte wie „Die Gottesliebe und das Unglück“ oder „Betrachtungen über das Vater unser“, aber auch unbekanntere wie „Die Geistigkeit Okzitaniens“ oder zur „Theorie der Sakramente“ und „das Dogma der Realpräsenz“. Natürlich dürfen die Briefe an den Dominikaner Perrin nicht fehlen, besonders jener vom 15. Mai 1942, den man ihr „Geistliches Testament“ nannte und der ihren inneren Weg dokumentiert. Ganz auf die religiöse Thematik bezogen, haben diese Arbeiten immense existenzielle und politische Konsequenzen, was die kundige Herausgeberin durch eine kluge Gliederung unterstreicht: Vom persönlichen Erleben des Übernatürlichen auf einen spirituellen Weg gebracht, arbeitet Simone Weil an deren reflexivem Nachvollzug und sondiert ihre Bedeutung für Gesellschaft und Politik und nicht zuletzt für eine offene Kirchengestalt. Hinzuzunehmen ist unbedingt ihr großes Werkfragment „Die Einwurzelung“, ihre Überlegungen zur Neugestaltung Europas, die ihr Entdecker Albert Camus aus dem Nachlass herausgab. Wie gut, dass hier wenigstens die Einleitung dazu mitabgedruckt ist: „Studie zu einer Erklärung der Pflichten gegenüber dem Menschen“. In ihrem bewegenden „Glaubensbekenntnis“, wohl ihrem letzten Text, steht die bezeichnende Bemerkung: „Da ich weiß, dass ich fehlbar bin und daß alles Böse, das ich in mir aus Feigheit in meiner Seele fortbestehen lasse, eine ihm proportionale Menge an Lüge und Irrtum hervorbringen muß, zweifle ich in einem gewissen Sinne die Dinge an, die mir offenkundig am gewissesten zu sein scheinen.“ (512) Dem fortan unerlässlichen Quellenband ist eine kluge Einführung vorangestellt, leider fehlen Register. Warum also ist Simone Weil, diese intellektuelle Extremistin und maßlose Autodidaktin, die von früh an nur in „Erwartung der Wahrheit“ und immer auf „Einwurzelung“ bedacht war, so radikal im Denken und Tun? Natürlich wegen des eindrücklichen Selbstexperiments, nichts zu sagen, was nicht gelebt, und nichts zu tun, was nicht durchdacht ist. Ihr ganzes Leben ist geprägt von dem Bemühen, jede Art von Illusionierung zu vermeiden und sich der Realität offensiv zu stellen – bis zu schwerer körperlicher Erwerbsarbeit und im konkreten politischen Kampf. Pädagogisch-philosophisches und politisch-soziales Engagement gehören für sie zusammen. Intellektuelle und spirituelle Redlichkeit gehören untrennbar zusammen. Genau so, zweitens, „Mystik“ und „Politik“. Sie, die nach eigener Aussage „nie Gott gesucht“ hatte, weiß sich dann doch von ihm zuinnerst berührt und ergriffen. Drei große Erleuchtungserfahrungen führen sie zu der Gewissheit von Gottes Gegenwart und dann immer mehr in die Mitte des Christlichen, und zwar in seiner urkatholischen Formatierung, also mit „allumfassendem“ universalen Verständnis und nicht in kirchlicher Enge mit doktrinärer Bevormundung. Die Wirklichkeit Gottes ist in allen Zeiten und Religionen zu finden, prinzipiell jedem Menschen zugänglich: Gott ist der sich Zurücknehmende und Überpersonale, Freigebende und Schöpferische schlechthin und deshalb auch der Ohnmächtige und Leidende, der „um unsere Liebe bettelt“ und unserer Mitarbeit bedürfen will (decreation). „Das Kreuz ist das eigentliche Wesen der Inkarnation“ (441), es ist die Wahrheit und Waage aller Dinge. Damit ist drittens auch die Theodizeefrage zentral, das bedrängende Warum (Hiobs und Jesu) angesichts von Unglück, aber auch von Schönheit; das sind die beiden Einlasstore des Übernatürlichen. „Das Unglück (ist) das gewisseste Zeichen, dass Gott von uns geliebt sein will; es ist der kostbarste Beweis seiner Zärtlichkeit“ (229). Und: „Der Schönheit der Welt keine Aufmerksamkeit zu schenken, ist vielleicht ein so großes Verbrechen der Undankbarkeit, dass es die Strafe des Unglücks verdient.“ (233) – so in einem ihrer reifsten Texte „Die Gottesliebe und das Unglück“. Noch angesichts des Todes konstatiert Simone Weil bei sich „eine Zerrissenheit in der Intelligenz und im Inneren des Herzens“, weil es ihr nicht gelingt, „in der Wahrheit das Unglück der Menschen, die Vollkommenheit Gottes und die Verbindung zwischen beiden zusammenzudenken“ (121). Nicht nur Leidsensiblität und Kompassion sind Stichworte, um das Gespräch mit Simone Weil aktuell brisant zu finden. Es ist viertens ihre Existenz auf der Schwelle, ihre Grenzgängerinnenqualität. Obwohl sie sich „dem Katholizismus so nahe wie irgendmöglich“ weiß, schreibt sie im Rückblick doch: „Ich fühlte mit einer … endgültigen Gewißheit, dass meine Berufung mir auferlegt, außerhalb der Kirche zu bleiben und sogar ohne eine, sei es auch nur implizite Bindung an sie oder das christliche Dogma.“ (63) Eine Kirche, die doktrinal und autoritär ist, gar Dogma und Anathema spricht und bloß „soziale Einrichtung“ (59) oder moralische Anstalt wäre, ist ihr unmöglich. Würde man sie mit ihren Überzeugungen zur Taufe zulassen (was sie sich sehnlichst wünscht), so würde man „in diesem Falle mit einer Routine von mindestens siebzehn Jahrhunderten brechen“, schreibt sie noch im Glaubensbekenntnis (512) – durch und durch geprägt von Unglück und Schönheit: Sie ist eine große Gesprächspartnerin gerade jetzt, wo schnelle Sprüche und autoritäre Haltungen wieder dominieren und den grassierenden Nihilismus überspielen. Ausgewählte Texte in der deutschen Übersetzung von Friedhelm Kempf und Ellen D. Fischer mit einer Einführung von Robert Chenavier Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. 2024 529 Seiten 49,00 € ISBN 978-3-96023-600-9

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