Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 zur Einführung oder Vertiefung der kantischen Ethik. Im Mittelpunkt sollte zunächst die grundlegende Unterscheidung zwischen hypothetischem und kategorischem Imperativ stehen. Da Kants Sprache und Argumentation für Lernende anspruchsvoll sein können, empfiehlt sich eine schrittweise Texterschließung. Zentrale Begriffe wie Imperativ, hypothetisch, kategorisch, Zweck, Mittel, Maxime, Glückseligkeit, Klugheit, Geschicklichkeit, Sittlichkeit und Gesinnung sollten gemeinsam geklärt und anschließend von den Lernenden in eigenen Worten formuliert werden.
Als lebensweltlicher Einstieg eignen sich unterschiedliche Aufforderungen, beispielsweise „Wenn du die Prüfung bestehen möchtest, solltest du lernen“ und „Du sollst einen Menschen nicht nur als Mittel für deine eigenen Interessen benutzen“. Die Lernenden können zunächst untersuchen, worin sich beide Aufforderungen unterscheiden. Dadurch lässt sich die Grundstruktur des hypothetischen Imperativs als Verbindung von Bedingung, Handlung und Zweck anschaulich erschließen. Die Lernenden erkennen, dass die Verpflichtung zur Handlung entfällt, wenn der entsprechende Zweck nicht verfolgt wird. Beim kategorischen Imperativ besteht die moralische Forderung dagegen unabhängig von individuellen Wünschen und Zielen.
In der anschließenden Textarbeit können die Lernenden Kants verschiedene Formen von Imperativen systematisieren. Dabei bietet sich eine Tabelle mit den Kategorien Art des Imperativs, Ziel, Beispiel und Verbindlichkeit an. Regeln der Geschicklichkeit beziehen sich auf frei gewählte Zwecke. Wer beispielsweise ein Musikinstrument beherrschen möchte, muss üben. Ratschläge der Klugheit beziehen sich auf die angestrebte eigene Glückseligkeit. Gebote der Sittlichkeit beanspruchen dagegen eine von individuellen Zwecken unabhängige moralische Geltung.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Kants Beispiel des Arztes und des Giftmischers. Es eignet sich dazu, den Unterschied zwischen technischer beziehungsweise zweckmäßiger und moralischer Vernunft herauszuarbeiten. Die Lernenden können erklären, weshalb geeignete Mittel zur Erreichung eines Zieles noch keine moralische Qualität besitzen. Methodisch bietet sich die Formulierung weiterer Gegensatzpaare an. Beispielsweise kann Wissen genutzt werden, um Menschen zu unterstützen oder um sie zu täuschen. Die Lernenden erkennen auf diese Weise, dass die erfolgreiche Verwirklichung eines Zweckes für Kant noch keine Aussage darüber erlaubt, ob dieser Zweck moralisch vertretbar ist.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf Kants Überlegungen zur Glückseligkeit liegen. Die Lernenden können zunächst individuell formulieren, was sie unter Glück verstehen. Anschließend werden die unterschiedlichen Vorstellungen verglichen. Dadurch wird Kants These anschaulich, dass Glückseligkeit keinen eindeutig bestimmbaren Inhalt besitzt. An seinen Beispielen zu Reichtum, Gesundheit und langem Leben lässt sich untersuchen, warum vermeintlich erstrebenswerte Güter nicht notwendig dauerhaftes Glück hervorbringen. Die Lernenden können weitere Beispiele aus ihrer Lebenswelt entwickeln und dabei zwischen kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung und langfristigen Vorstellungen eines guten Lebens unterscheiden.
Für eine vertiefende Erarbeitung können kurze Alltagssituationen den drei von Kant genannten Formen zugeordnet werden. Die Lernenden prüfen dabei jeweils, ob eine Regel der Geschicklichkeit, ein Ratschlag der Klugheit oder ein Gebot der Sittlichkeit vorliegt. Wichtig ist, dass die Zuordnung begründet wird. Dadurch wird vermieden, dass die Begriffe lediglich auswendig gelernt werden.
Im Religionsunterricht bietet sich außerdem ein Vergleich mit religiösen Geboten an. Die Lernenden können beispielsweise untersuchen, ob das Gebot der Nächstenliebe von einem bestimmten persönlichen Vorteil abhängig gemacht wird oder einen umfassenderen Anspruch erhebt. Dabei sollte nicht vorschnell behauptet werden, religiöse Gebote und der kategorische Imperativ seien identisch. Vielmehr können unterschiedliche Begründungszusammenhänge herausgearbeitet werden. Kant begründet moralische Verpflichtung aus der praktischen Vernunft, während religiöse Gebote innerhalb eines religiösen Zusammenhangs unter anderem auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch sowie auf die Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen bezogen werden können.
Zur Ergebnissicherung eignet sich ein Begriffsnetz, in dessen Zentrum der Begriff Imperativ steht. Davon ausgehend werden hypothetischer Imperativ und kategorischer Imperativ unterschieden. Dem hypothetischen Bereich können Geschicklichkeit, Klugheit, Zweck und Mittel zugeordnet werden. Der kategorische Bereich kann mit Sittlichkeit, moralischer Verpflichtung und Gesinnung verbunden werden. Die Lernenden sollten zu jeder Kategorie eigene Beispiele formulieren und ihre Zuordnung begründen.
Für die abschließende Urteilsbildung können moralische Konfliktsituationen eingesetzt werden. Die Lernenden untersuchen zunächst persönliche Interessen und angestrebte Zwecke und fragen anschließend, welche moralischen Verpflichtungen unabhängig von diesen Interessen bestehen könnten. Damit wird die Grundlage für die weitere Beschäftigung mit den verschiedenen Formulierungen des kategorischen Imperativs geschaffen. Gleichzeitig fördert das Medium die Fähigkeit, zwischen Zweckmäßigkeit, persönlichem Vorteil, Glücksstreben und moralischer Verpflichtung zu unterscheiden.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Jahrgangsstufe 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben
Beschreibe den Unterschied zwischen einem hypothetischen und einem kategorischen Imperativ nach Kant.
Musterlösung: Ein hypothetischer Imperativ schreibt eine Handlung als Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zweckes vor. Er besitzt deshalb die Struktur: Wenn eine Person ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, muss sie eine dazu geeignete Handlung ausführen. Der kategorische Imperativ ist dagegen nicht von einem persönlichen Ziel abhängig. Er fordert eine Handlung unabhängig davon, welche Wünsche, Interessen oder Zwecke eine Person verfolgt. Für Kant bildet der kategorische Imperativ deshalb die Grundlage der Sittlichkeit.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern
Erläutere anhand eines eigenen Beispiels, wie ein hypothetischer Imperativ funktioniert.
Musterlösung: Ein Beispiel lautet: Wenn ich eine gute Leistung bei einer Prüfung erreichen möchte, muss ich mich auf die Prüfung vorbereiten. Das Bestehen beziehungsweise die gute Leistung ist der angestrebte Zweck. Das Lernen ist das Mittel, mit dem dieser Zweck erreicht werden soll. Die Verpflichtung zum Lernen besteht in diesem Beispiel nur unter der Voraussetzung, dass ich das entsprechende Ziel verfolge. Deshalb handelt es sich um einen hypothetischen Imperativ.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere, welche Funktion das Beispiel des Arztes und des Giftmischers für Kants Argumentation besitzt.
Musterlösung: Kant verwendet das Beispiel, um zu zeigen, dass die Zweckmäßigkeit einer Handlung noch nichts über ihren moralischen Wert aussagt. Sowohl der Arzt als auch der Giftmischer benötigen Kenntnisse und geeignete Mittel, um ihr jeweiliges Ziel zu erreichen. Betrachtet man ausschließlich die Frage, wie erfolgreich ein Zweck erreicht werden kann, funktionieren beide Handlungsregeln nach derselben Struktur. Moralisch unterscheiden sich die angestrebten Zwecke jedoch erheblich. Kant verdeutlicht damit, dass Regeln der Geschicklichkeit lediglich erklären, wie ein Ziel erreicht werden kann. Sie können nicht entscheiden, ob dieses Ziel moralisch gut ist.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Erklären
Erkläre, warum Kant die Glückseligkeit nicht als eindeutig bestimmbares Ziel betrachtet.
Musterlösung: Nach Kant möchten Menschen zwar glücklich sein, können aber nicht mit Sicherheit bestimmen, was sie dauerhaft glücklich machen wird. Vorstellungen von Glück beruhen auf Erfahrungen und persönlichen Erwartungen. Ein scheinbar erstrebenswertes Gut kann außerdem unerwartete negative Folgen haben. Reichtum kann beispielsweise neue Sorgen hervorrufen, ein langes Leben kann mit Leiden verbunden sein. Menschen können die zukünftigen Folgen ihrer Entscheidungen nicht vollständig kennen. Deshalb gibt es nach Kant keine sichere allgemeine Anleitung, durch die Glück garantiert werden könnte.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Zuordnen und Begründen
Ordne die folgenden Aussagen einer Regel der Geschicklichkeit, einem Ratschlag der Klugheit oder einem Gebot der Sittlichkeit zu und begründe deine Entscheidung.
A: „Wenn du einen Marathon laufen möchtest, solltest du regelmäßig trainieren.“
B: „Wenn du langfristig finanziell abgesichert sein möchtest, solltest du einen Teil deines Geldes sparen.“
C: „Du sollst einen hilflosen Menschen nicht absichtlich verletzen.“
Musterlösung: Aussage A ist eine Regel der Geschicklichkeit. Das Training ist ein Mittel zur Erreichung eines frei gewählten Zieles. Aussage B ist ein Ratschlag der Klugheit. Das Sparen soll dem eigenen langfristigen Wohlergehen dienen und steht damit im Zusammenhang mit Vorstellungen von Glückseligkeit. Aussage C besitzt die Struktur eines Gebotes der Sittlichkeit, weil die Forderung nicht davon abhängig gemacht wird, ob durch ihre Befolgung ein persönliches Ziel erreicht wird. Sie beansprucht vielmehr eine von individuellen Interessen unabhängige moralische Geltung.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile ausgehend von Kants Unterscheidung der Imperative die Aussage: „Eine Handlung ist moralisch gut, wenn sie mir dabei hilft, glücklich zu werden.“
Musterlösung: Aus Kants Perspektive reicht das Streben nach persönlicher Glückseligkeit nicht aus, um eine Handlung als moralisch gut zu bestimmen. Eine Handlung, die dem eigenen Glück dienen soll, folgt zunächst einem hypothetischen Imperativ. Sie wird ausgeführt, weil sie ein Mittel für einen bestimmten Zweck darstellt. Moralische Gebote müssen nach Kant dagegen unabhängig von solchen persönlichen Zwecken gelten. Außerdem ist Glückseligkeit nach Kant nicht eindeutig bestimmbar. Eine Handlung kann daher das eigene Wohlbefinden fördern, ohne allein deshalb moralisch gut zu sein. Bei der moralischen Bewertung müsste aus kantischer Perspektive geprüft werden, ob die zugrunde liegende Handlungsregel unabhängig vom persönlichen Vorteil als moralisches Prinzip gelten kann.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtere die Frage: „Sollten moralische Regeln unabhängig davon gelten, ob sie einen Menschen glücklich machen?“
Musterlösung: Für eine von persönlichem Glück unabhängige Moral spricht, dass moralische Regeln sonst von individuellen Interessen abhängig wären. Eine Person könnte beispielsweise behaupten, dass eine Handlung richtig sei, weil sie ihr selbst Vorteile bringt. Kant möchte gerade verhindern, dass persönlicher Nutzen über die moralische Richtigkeit entscheidet. Deshalb unterscheidet er die auf Glückseligkeit bezogenen Ratschläge der Klugheit von den Geboten der Sittlichkeit.
Gegen eine vollständige Trennung von Moral und Glück könnte eingewendet werden, dass menschliches Wohlergehen für ethische Entscheidungen durchaus bedeutsam ist. Handlungen haben Folgen für das eigene Leben und das Leben anderer Menschen. Deshalb erscheint es sinnvoll, Glück und Wohlergehen bei ethischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Aus Kants Perspektive dürfen sie jedoch nicht der alleinige Maßstab moralischen Handelns sein. Moralische Verpflichtungen müssen auch dann Bedeutung besitzen können, wenn ihre Befolgung keinen persönlichen Vorteil verspricht.