Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 insbesondere im Zusammenhang mit den Themen Religionskritik, Jesus Christus, Gottesbilder, Gericht und Hölle, christliche Ethik sowie Umgang mit biblischen Texten. Seine besondere didaktische Qualität liegt in der Schärfe von Russells Kritik. Der Autor stellt nicht lediglich einzelne kirchliche Lehren infrage, sondern richtet seinen moralischen Einwand unmittelbar gegen die in den Evangelien dargestellte Person Jesu. Dadurch kann bei Lernenden ein produktiver Widerspruch entstehen, insbesondere wenn ihnen Jesus zuvor vor allem als Verkünder von Nächstenliebe, Feindesliebe, Barmherzigkeit und Vergebung begegnet ist.
Für die Unterrichtsplanung ist zunächst zwischen verschiedenen Ebenen der Argumentation zu unterscheiden. Russell zitiert Aussagen aus den Evangelien, interpretiert diese Aussagen, formuliert daraus moralische Bewertungen und stellt schließlich Behauptungen über deren historische Wirkung auf. Diese Ebenen sollten im Unterricht nicht miteinander vermischt werden. Insbesondere seine Vermutung, die Vorstellung von Heulen und Zähneknirschen habe Jesus ein gewisses Vergnügen bereitet, ist keine aus dem Bibeltext unmittelbar ableitbare historische Feststellung, sondern eine polemisch zugespitzte Interpretation Russells. Die Lernenden sollten deshalb darin geschult werden, zwischen Textbeleg, Interpretation, Werturteil und Behauptung über historische Folgen zu unterscheiden.
Als Einstieg kann ein kurzer Impuls mit zwei scheinbar gegensätzlichen Aussagen aus der christlichen Tradition verwendet werden. Einer Aussage über Liebe und Vergebung wird eine Aussage über Gericht oder Hölle gegenübergestellt. Die Lernenden formulieren zunächst, welches Jesusbild durch die jeweilige Aussage entsteht. Daraus kann die Leitfrage entwickelt werden, ob die Vorstellung eines liebenden und barmherzigen Jesus mit Aussagen über Gericht und Strafe vereinbar ist. Auf diese Weise wird Russells Problemstellung vorbereitet, ohne seine Antwort bereits vorzugeben.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte der Text abschnittsweise gelesen werden. Die Lernenden können Russells zentrale These markieren und anschließend die von ihm angeführten Begründungen und Beispiele zuordnen. Sinnvoll ist eine Unterscheidung zwischen Aussage, Beleg und Schlussfolgerung. Die Lernenden erkennen dadurch den Aufbau der Argumentation: Russell setzt zunächst ein moralisches Kriterium voraus, nach dem ein vollkommen menschenfreundlicher Mensch keine ewige Strafe befürworten könne. Anschließend interpretiert er Aussagen Jesu über die Hölle vor diesem Hintergrund. Schließlich leitet er daraus sein kritisches Urteil über Jesu moralische Vorbildlichkeit ab.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Russells Vergleich zwischen Jesus und Sokrates. Die Lernenden können herausarbeiten, welche Eigenschaften Russell Sokrates zuschreibt und welches Gegenbild von Jesus dadurch entsteht. Anschließend sollte kritisch geprüft werden, ob dieser Vergleich nach einheitlichen Kriterien erfolgt. Damit wird die Argumentationskompetenz gefördert. Die Aufgabe der Lernenden besteht nicht darin, Russell zuzustimmen oder ihn aus einer christlichen Perspektive zurückzuweisen, sondern zunächst die Voraussetzungen und Konsequenzen seiner Argumentation nachvollziehbar zu rekonstruieren.
Für eine vertiefende Auseinandersetzung empfiehlt sich die Arbeit mit den biblischen Zusammenhängen der von Russell verwendeten Aussagen. Die Lernenden können ausgewählte Bibelstellen vollständig lesen und untersuchen, in welchem erzählerischen und theologischen Zusammenhang die Aussagen über Gericht und Strafe stehen. Dabei lässt sich die wichtige hermeneutische Frage behandeln, ob einzelne Aussagen unabhängig von ihrem Kontext interpretiert werden können. Gleichzeitig können unterschiedliche Deutungen von Gericht und Hölle thematisiert werden. Vorstellungen von Hölle können beispielsweise als konkrete Beschreibung eines jenseitigen Strafortes, als Bildsprache, als Ausdruck endgültiger Gottesferne oder als Bestandteil einer historischen religiösen Vorstellungswelt verstanden werden. Dadurch erkennen die Lernenden, dass Russells Kritik auch davon abhängt, welche Interpretation der betreffenden biblischen Aussagen vorausgesetzt wird.
Methodisch bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe rekonstruiert Russells Argumentation, eine weitere untersucht die von ihm herangezogenen Aussagen Jesu in ihrem biblischen Zusammenhang und eine dritte beschäftigt sich mit Aussagen Jesu über Liebe, Vergebung und Barmherzigkeit. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt. Dabei sollte nicht das Ziel verfolgt werden, ein einheitliches Jesusbild herzustellen. Vielmehr können die Lernenden erkennen, dass die neutestamentlichen Texte unterschiedliche Akzente enthalten und dass die Interpretation Jesu von Auswahl, Kontextualisierung und theologischen Voraussetzungen beeinflusst wird.
Ein weiterer Unterrichtsschwerpunkt kann auf Russells Behauptung liegen, die Höllenlehre habe Angst, Grausamkeit und menschliches Leid hervorgebracht. Diese Aussage bietet einen Zugang zur Wirkungsgeschichte religiöser Vorstellungen. Die Lernenden können zwischen einer religiösen Lehre und ihrer konkreten historischen Verwendung unterscheiden. Zu diskutieren ist dabei, unter welchen Voraussetzungen einer religiösen Vorstellung Verantwortung für gesellschaftliche oder individuelle Folgen zugeschrieben werden kann. Gleichzeitig können Beispiele dafür untersucht werden, wie Vorstellungen von Gericht sowohl zur Erzeugung von Angst als auch als Hoffnung auf Gerechtigkeit verstanden worden sind.
Für die abschließende Urteilsbildung eignet sich die Frage, ob Russells Kritik die christliche Vorstellung von Jesus grundsätzlich infrage stellt oder vor allem eine bestimmte Interpretation von Gericht und Hölle betrifft. Die Lernenden sollten dabei verpflichtet werden, sowohl Russells Argumente als auch mögliche Gegenargumente angemessen zu berücksichtigen. Entscheidend ist, dass ein eigenes Urteil nicht lediglich als persönliche Meinung formuliert wird, sondern auf nachvollziehbaren Kriterien und Textbelegen beruht. Das Medium ermöglicht damit die Verbindung von Sachkompetenz, Wahrnehmungskompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz und Urteilskompetenz.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse Russells zentrale Kritik an der Darstellung Jesu im vorliegenden Text in eigenen Worten zusammen.
Musterlösung:
Russell kritisiert vor allem die in den Evangelien überlieferten Aussagen Jesu über Hölle, Gericht und ewige Strafe. Nach seiner Auffassung widerspricht der Glaube an eine ewige Bestrafung echter Menschenfreundlichkeit. Er führt mehrere Aussagen Jesu an, in denen von Verdammnis, Feuer und Bestrafung gesprochen wird. Russell meint, solche Vorstellungen hätten Menschen Angst gemacht und in der Geschichte Leid verursacht. Deshalb betrachtet er Jesus nicht als vollkommenes moralisches Vorbild. Im Vergleich bewertet er insbesondere Sokrates als verständnisvoller gegenüber Menschen, die seine Auffassungen nicht teilten.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern
Erläutere, warum die Vorstellung einer ewigen Höllenstrafe für Russell ein moralisches Problem darstellt.
Musterlösung:
Russell geht davon aus, dass Menschenfreundlichkeit und Güte mit dem Wunsch nach einer ewigen Bestrafung anderer Menschen nicht vereinbar seien. Eine zeitlich unbegrenzte Strafe erscheint ihm als unverhältnismäßig und grausam. Deshalb sieht er einen Widerspruch zwischen dem Anspruch, Jesus als vollkommenes moralisches Vorbild zu betrachten, und den in den Evangelien überlieferten Aussagen über Hölle und ewige Strafe. Seine Kritik beruht somit auf einem moralischen Maßstab: Ein vollkommen guter Mensch müsste nach Russells Auffassung auch gegenüber Menschen, die sich falsch verhalten oder seine Botschaft ablehnen, barmherzig sein.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Russells Argumentationsgang. Arbeite dabei heraus, mit welchen Argumenten und Beispielen er seine Beurteilung Jesu begründet.
Musterlösung:
Russell beginnt mit einer grundsätzlichen moralischen These. Er hält den Glauben an eine ewige Strafe für unvereinbar mit vollkommener Menschenfreundlichkeit. Anschließend überträgt er dieses Kriterium auf Jesus. Dazu führt er verschiedene Aussagen aus den Evangelien an, in denen von Hölle, Feuer, Gericht und Verdammnis die Rede ist.
Danach verstärkt Russell seine Kritik durch einen Vergleich mit Sokrates. Sokrates erscheint in seiner Darstellung als gelassen und respektvoll gegenüber Andersdenkenden, während Russell bestimmte Aussagen Jesu als von Entrüstung und Härte geprägt interpretiert. Zusätzlich führt Russell ein historisches Argument an. Er behauptet, die christliche Vorstellung von der Hölle habe bei Menschen Angst hervorgerufen und zur Rechtfertigung von Grausamkeit beigetragen.
Seine Argumentation führt schließlich zu der Schlussfolgerung, Jesus könne für ihn nicht uneingeschränkt als höchstes moralisches Vorbild gelten. Russell verbindet damit Textbelege, seine Interpretation dieser Belege, moralische Maßstäbe und Aussagen über die Wirkungsgeschichte des Christentums.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen
Vergleiche das Jesusbild Russells mit einem Jesusbild, das durch Jesu Botschaft von Nächstenliebe, Feindesliebe und Vergebung geprägt ist.
Musterlösung:
Russells Darstellung konzentriert sich auf Aussagen Jesu über Gericht, Verdammnis und Hölle. Daraus entsteht das Bild eines Jesus, der nach Russells Interpretation gegenüber Menschen, die seine Botschaft ablehnen, mit Härte reagiert. Dieses Jesusbild steht in Spannung zu einem Verständnis Jesu, das vor allem von Nächstenliebe, Feindesliebe, Barmherzigkeit und Vergebung geprägt ist.
Gemeinsam ist beiden Sichtweisen, dass sie sich auf Aussagen und Überlieferungen der Evangelien beziehen. Sie unterscheiden sich jedoch in der Auswahl und Gewichtung der Texte. Während Russell Gerichtsaussagen in den Mittelpunkt stellt, betont das andere Jesusbild beispielsweise die Aufforderung zur Feindesliebe, die Vergebung von Schuld und die Zuwendung zu ausgegrenzten Menschen. Der Vergleich zeigt deshalb, dass unterschiedliche biblische Texte verschiedene Aspekte des überlieferten Jesusbildes hervorheben und für eine umfassende Beurteilung der jeweilige Zusammenhang berücksichtigt werden muss.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die Aussage: „Die Vorstellung von einem liebenden Gott ist mit der Vorstellung einer ewigen Hölle nicht vereinbar.“ Beziehe Russells Argumentation in deine Überlegungen ein.
Musterlösung:
Für die Aussage spricht Russells Argument, dass eine ewige Strafe unverhältnismäßig erscheinen kann. Wenn Gott als vollkommen liebend und barmherzig verstanden wird, stellt sich die Frage, wie eine unbegrenzte Bestrafung mit dieser Liebe vereinbar sein kann. Russell sieht darin einen deutlichen Widerspruch. Besonders problematisch erscheint ihm, dass die Vorstellung ewiger Verdammnis bei Menschen Angst hervorrufen kann.
Gegen diese Argumentation kann eingewendet werden, dass die biblische Rede von der Hölle unterschiedlich interpretiert werden kann. Wird sie als Bild für die Konsequenzen menschlicher Entscheidungen oder als Ausdruck einer endgültigen Trennung von Gott verstanden, verändert sich die Fragestellung. Auch kann die Rede vom Gericht mit der Hoffnung verbunden werden, dass Unrecht nicht folgenlos bleibt und den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.
Die Frage nach der Vereinbarkeit von Gottes Liebe und Gericht hängt somit wesentlich davon ab, wie Begriffe wie Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit, Strafe und Hölle verstanden werden. Russells Kritik macht eine mögliche Spannung sichtbar, entscheidet aber nicht allein darüber, wie die entsprechenden biblischen Aussagen theologisch ausgelegt werden müssen.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Russells Kritik an Jesus auf der Grundlage des vorliegenden Textes und weiterer dir bekannter Aussagen Jesu. Entwickle ein begründetes Sachurteil.
Musterlösung:
Russells Kritik weist auf eine tatsächlich wichtige Spannung innerhalb der neutestamentlichen Jesusüberlieferung hin. Aussagen über Gericht und Strafe stehen neben Aussagen über Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung. Seine Kritik fordert deshalb dazu heraus, schwierige Aussagen Jesu nicht auszublenden.
Für eine umfassende Beurteilung reicht es jedoch nicht aus, ausschließlich die von Russell ausgewählten Aussagen zu betrachten. Andere neutestamentliche Texte zeigen Jesus als jemanden, der Vergebung fordert, sich ausgegrenzten Menschen zuwendet und sogar zur Liebe gegenüber Feinden aufruft. Außerdem muss untersucht werden, welche Funktion die bildhafte Rede von Feuer, Gericht und Verdammnis im jeweiligen biblischen Zusammenhang besitzt.
Russells Kritik kann daher als nachvollziehbare moralische Anfrage an bestimmte Gerichtsaussagen verstanden werden. Ob daraus eine umfassende negative Beurteilung Jesu abgeleitet werden kann, hängt jedoch von der Auswahl und Interpretation der neutestamentlichen Überlieferung sowie von den verwendeten moralischen Kriterien ab. Für ein begründetes Sachurteil müssen deshalb sowohl Russells Einwände als auch weitere Aspekte der Jesusüberlieferung berücksichtigt werden.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung, ob eine Religion Menschen mit der Vorstellung von Strafe zu moralischem Handeln motivieren sollte. Beziehe den Text von Russell in deine Argumentation ein.
Musterlösung:
Gegen eine moralische Motivation durch Angst vor Strafe spricht, dass moralisches Handeln dadurch vor allem aus Furcht entstehen kann. Ein Mensch würde dann möglicherweise nicht deshalb auf andere Rücksicht nehmen, weil er ihr Wohlergehen achtet, sondern weil er negative Folgen für sich selbst vermeiden möchte. Russells Kritik an der Höllenvorstellung macht auf diese Gefahr aufmerksam. Besonders problematisch wird eine solche Vorstellung, wenn sie starke Angst erzeugt oder zur Einschüchterung von Menschen verwendet wird.
Andererseits erfüllen Vorstellungen von Gericht in Religionen nicht ausschließlich die Funktion einer Strafandrohung. Sie können auch ausdrücken, dass menschliches Handeln Konsequenzen besitzt und dass schweres Unrecht nicht gleichgültig ist. Für Opfer von Gewalt und Unterdrückung kann die Hoffnung auf endgültige Gerechtigkeit eine andere Bedeutung haben als die bloße Angst vor Bestrafung.
Eine begründete Position sollte deshalb unterscheiden, ob religiöse Vorstellungen von Gericht zur Einschüchterung eingesetzt werden oder ob sie Verantwortung und die Hoffnung auf Gerechtigkeit ausdrücken. Für moralisches Lernen erscheint eine Orientierung an Verantwortung, Mitgefühl und Einsicht tragfähiger als eine Motivation, die hauptsächlich auf Angst vor Strafe beruht.