Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Behandlung der Themen Wirklichkeit, Wahrheit, Erkenntnis, Weltbilder, Naturwissenschaft und Religion sowie zur Auseinandersetzung mit Markus Gabriels Sinnfeldontologie. Der Text besitzt für den Religionsunterricht einen besonderen Wert, weil er die Frage nach der Wirklichkeit mit der Frage verbindet, wer darüber entscheidet, was als wirklich und wahr gelten kann. Damit können erkenntnistheoretische Fragestellungen mit religiösen und weltanschaulichen Fragen verbunden werden.
Aufgrund der sprachlichen und philosophischen Komplexität sollte der Text schrittweise erschlossen werden. Zahlreiche Begriffe wie Postmoderne, Konstruktivismus, Neuer Realismus, Ontologie, Sinnfeld und objektive Realität müssen zunächst geklärt werden. Nicht alle im Text genannten Personen und zeitgeschichtlichen Bezüge müssen dabei ausführlich behandelt werden. Für Lernende der Jahrgangsstufe 10 sollte die zentrale gedankliche Bewegung im Mittelpunkt stehen: von der Vorstellung einer konstruierten Wirklichkeit über die Kritik an dieser Vorstellung hin zur Annahme, dass Menschen tatsächliche Wirklichkeit erkennen können.
Als Einstieg eignet sich die Frage „Ist etwas auch dann wirklich, wenn niemand es wahrnimmt?“ Ein Gegenstand kann dazu in die Mitte des Klassenraumes gelegt werden. Die Lernenden überlegen, ob dieser Gegenstand auch dann existiert, wenn alle Personen den Raum verlassen. Anschließend kann die weiterführende Frage gestellt werden, ob die Existenz eines Gegenstandes und die Bedeutung, die Menschen diesem Gegenstand geben, dasselbe sind. Auf diese Weise wird die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Interpretation vorbereitet.
Eine alternative Möglichkeit besteht darin, mit zwei Aussagen zu beginnen: „Jeder Mensch sieht die Welt anders“ und „Es gibt Tatsachen, die unabhängig von unserer Meinung gelten“. Die Lernenden positionieren sich zu beiden Aussagen und begründen, ob diese miteinander vereinbar sind. Dadurch wird ein zentrales Problem des Textes sichtbar. Der Neue Realismus muss nicht bestreiten, dass Menschen unterschiedliche Perspektiven besitzen. Er bestreitet vielmehr die Schlussfolgerung, dass aufgrund dieser Perspektivität keine tatsächliche Wirklichkeit erkannt werden könne.
Bei der Texterschließung können die Lernenden zunächst alle Aussagen markieren, die der Postmoderne oder dem Konstruktivismus zugeordnet werden. In einem zweiten Arbeitsschritt werden Aussagen zum Neuen Realismus herausgearbeitet. Anschließend werden beide Positionen gegenübergestellt. Eine Tabelle mit den Kategorien Wirklichkeit, Wahrheit, Erkenntnis, Perspektive und Gefahr der jeweiligen Position kann die Ergebnisse strukturieren.
Besondere Aufmerksamkeit sollte Gabriels Sinnfeldontologie erhalten. Die Lernenden können zunächst die Aussage untersuchen, dass Gegenstände und Sachverhalte in unterschiedlichen Sinnfeldern erscheinen und dennoch real sein können. Ein konkretes Beispiel erleichtert das Verständnis. Eine Kirche kann als Gebäude, historisches Denkmal, touristische Sehenswürdigkeit, Ort einer Glaubensgemeinschaft oder persönlicher Erinnerungsort erscheinen. Diese unterschiedlichen Beschreibungen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Sie zeigen vielmehr verschiedene Zusammenhänge, in denen derselbe Gegenstand erscheint.
Für den Religionsunterricht ist dieses Beispiel besonders ergiebig. Die Lernenden können untersuchen, wie ein Kirchengebäude in einem architektonischen, historischen, religiösen, persönlichen und naturwissenschaftlichen Sinnfeld erscheint. Anschließend kann gefragt werden, ob eine dieser Beschreibungen die einzig mögliche Beschreibung darstellt. Dadurch wird Gabriels Kritik an der Vorstellung eines einzigen allumfassenden Weltbildes verständlich.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Wirklichkeit liegen. Der Text kritisiert die Vorstellung, ausschließlich das naturwissenschaftlich Beobachtbare und Nachweisbare könne als wirklich gelten. Diese Aussage eröffnet für den Religionsunterricht die Möglichkeit, verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit zu unterscheiden. Naturwissenschaftliche Methoden können beispielsweise die chemische Zusammensetzung von Wasser untersuchen. Religiöse Traditionen können Wasser gleichzeitig als Symbol für Leben, Reinigung oder Taufe verstehen. Die unterschiedlichen Zugänge beantworten verschiedene Fragen.
Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, die Sinnfeldontologie nicht als einfachen Beweis für religiöse Aussagen zu verwenden. Aus der Annahme unterschiedlicher Sinnfelder folgt nicht automatisch, dass jede religiöse Behauptung wahr ist. Vielmehr eröffnet die Sinnfeldontologie die Frage, welche Gegenstände und Sachverhalte in welchen Zusammenhängen erscheinen und mit welchen Gründen Aussagen über sie als wahr oder falsch beurteilt werden können.
Zur Vertiefung kann der im Text formulierte Gegensatz zwischen Scheinrealität und Wirklichkeit aufgegriffen werden. Die Lernenden können Beispiele aus digitalen Medien untersuchen. Dabei kann zwischen einem tatsächlichen Ereignis, seiner medialen Darstellung und seiner Interpretation unterschieden werden. Gerade angesichts sozialer Medien, künstlich erzeugter Inhalte und digitaler Informationsräume besitzt die Frage eine hohe Lebensweltorientierung. Entscheidend ist dabei die Erkenntnis, dass eine häufig wiederholte oder überzeugend dargestellte Behauptung nicht allein dadurch wahr wird.
Eine mögliche Gruppenarbeit kann deshalb verschiedene Aussagen untersuchen. Die Lernenden erhalten die Aufgabe zu bestimmen, ob es sich um eine Tatsachenbehauptung, eine Interpretation, eine persönliche Bewertung oder eine religiöse Aussage handelt. Anschließend überlegen sie, welche Möglichkeiten zur Überprüfung jeweils bestehen. Auf diese Weise wird der philosophische Wahrheitsbegriff mit Medienkompetenz verbunden.
Besonders geeignet ist der Text auch für eine Auseinandersetzung mit umfassenden Weltbildern. Der Autor beschreibt Gabriels Kritik an Vorstellungen eines alles umfassenden Ganzen. Die Lernenden können untersuchen, welche Chancen und Gefahren entstehen, wenn ein naturwissenschaftliches, religiöses oder philosophisches Weltbild beansprucht, sämtliche Bereiche menschlicher Wirklichkeit erklären zu können. Dadurch wird zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Absolutheitsansprüchen ermöglicht.
Ein religionspädagogisch wichtiger Transfer besteht in der Frage, ob religiöse und naturwissenschaftliche Wirklichkeitsbeschreibungen notwendigerweise Konkurrenten sind. Die Lernenden können beispielsweise die naturwissenschaftliche Erklärung der Entstehung des Universums und religiöse Aussagen über Schöpfung vergleichen. Dabei ist zunächst genau zu bestimmen, welche Fragen jeweils beantwortet werden sollen. Eine naturwissenschaftliche Aussage über kosmologische Prozesse und eine theologische Aussage über Sinn oder Geschöpflichkeit müssen nicht zwangsläufig dieselbe Art von Aussage darstellen.
Methodisch bietet sich eine Kombination aus Einzelarbeit zur Texterschließung, Partnerarbeit zur Klärung zentraler Begriffe, Gruppenarbeit zum Vergleich verschiedener Wirklichkeitszugänge und einem abschließenden philosophischen Gespräch an. Zur Ergebnissicherung können die Lernenden eine eigene Definition realistischen Denkens formulieren. Diese sollte berücksichtigen, dass eine von unseren Vorstellungen unabhängige Wirklichkeit angenommen wird, dass Menschen grundsätzlich wahre Erkenntnisse gewinnen können und dass dennoch unterschiedliche Perspektiven und Sinnfelder existieren.
Für leistungsstärkere Lernende kann abschließend die Frage gestellt werden, ob die Anerkennung unterschiedlicher Sinnfelder tatsächlich einen überzeugenden Mittelweg zwischen einem umfassenden Relativismus und einem alleinigen Wahrheitsanspruch eines bestimmten Weltbildes darstellt. Dadurch werden Textverständnis, Transfer, Argumentationsfähigkeit und selbstständige Urteilsbildung miteinander verbunden.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Lösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“
Beschreiben Sie, welche Leistungen und welche Probleme der Text mit der Postmoderne verbindet.
Mögliche Antwort: Der Text bewertet die Postmoderne nicht ausschließlich negativ. Zu ihren Leistungen zählt er insbesondere die Emanzipation von Minderheiten, die Erweiterung individueller Freiheiten und die kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Autoritäten. Überzeugungen und gesellschaftliche Strukturen konnten hinterfragt und verändert werden.
Gleichzeitig sieht der Autor Probleme. Die starke Betonung von Interpretation und Konstruktion könne dazu führen, dass objektive Sachverhalte aus dem Blick geraten. Es könnten Scheinrealitäten entstehen, in denen Interpretationen wichtiger werden als tatsächliche Gegebenheiten. Die Kritik des Textes richtet sich somit nicht grundsätzlich gegen unterschiedliche Perspektiven, sondern gegen die Vorstellung, Wirklichkeit lasse sich vollständig auf menschliche Konstruktionen reduzieren.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I, Operator „Wiedergeben“
Geben Sie die zentralen Merkmale des Neuen Realismus wieder, die im Text genannt werden.
Mögliche Antwort: Der Neue Realismus geht davon aus, dass eine Wirklichkeit existiert, die nicht vollständig durch menschliche Vorstellungen und Interpretationen erzeugt wird. Menschen können nach dieser Position tatsächliche Sachverhalte erkennen und zwischen richtigen und falschen Aussagen unterscheiden.
Der Text verbindet den Neuen Realismus außerdem mit den Begriffen Ontologie, Kritik und Aufklärung. Realistisches Denken soll helfen, Scheinrealitäten zu erkennen und Wirklichkeit wieder als etwas zu verstehen, das menschlichen Interpretationen Grenzen setzen kann.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“
Erläutern Sie, was Markus Gabriel unter Sinnfeldern versteht. Verwenden Sie ein eigenes Beispiel.
Mögliche Antwort: Sinnfelder sind Zusammenhänge, in denen Gegenstände oder Sachverhalte auf bestimmte Weise erscheinen. Derselbe Gegenstand kann in unterschiedlichen Sinnfeldern vorkommen und dabei unterschiedliche Bedeutungen besitzen.
Ein Kirchengebäude kann beispielsweise in einem architektonischen Sinnfeld als Bauwerk erscheinen. In einem historischen Sinnfeld ist es ein Zeugnis einer bestimmten Epoche. In einem religiösen Sinnfeld kann es ein Ort des Gebets und des Gottesdienstes sein. Für eine einzelne Person kann es außerdem mit persönlichen Erinnerungen verbunden sein.
Die unterschiedlichen Sinnfelder bedeuten nicht, dass der Gegenstand deshalb unwirklich ist. Vielmehr können verschiedene Aspekte desselben Gegenstandes erkannt werden.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“
Analysieren Sie, welche Kritik der Text an einem ausschließlich naturwissenschaftlichen Weltbild formuliert.
Mögliche Antwort: Der Text kritisiert nicht die naturwissenschaftliche Forschung als solche. Problematisch wird aus seiner Perspektive vielmehr der Anspruch, dass nur dasjenige wirklich sei, was mit naturwissenschaftlichen Methoden beobachtet, gemessen oder nachgewiesen werden könne.
Ein solcher Anspruch würde andere Bereiche menschlicher Wirklichkeit möglicherweise unzureichend berücksichtigen. Dazu können beispielsweise persönliche Erfahrungen, Bedeutungen, moralische Fragen oder religiöse Vorstellungen gehören.
Aus der Perspektive der Sinnfeldontologie gibt es unterschiedliche Bereiche und Zusammenhänge, in denen Gegenstände und Sachverhalte erscheinen. Naturwissenschaftliche Erkenntnis stellt damit einen wichtigen Zugang zur Wirklichkeit dar, muss aber nicht automatisch der einzige mögliche Zugang sein.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator „Vergleichen“
Vergleichen Sie Konstruktivismus und Neuen Realismus hinsichtlich ihres Verständnisses von Wirklichkeit.
Mögliche Antwort: Konstruktivistische Positionen betonen, dass menschliche Erkenntnis durch Sprache, Wahrnehmung, kulturelle Voraussetzungen und Interpretationen geprägt wird. Unser Verständnis von Wirklichkeit entsteht deshalb nicht unabhängig von unseren Erkenntnisbedingungen.
Der Neue Realismus betont dagegen stärker, dass Wirklichkeit nicht erst durch unsere Vorstellungen hervorgebracht wird. Menschen können tatsächliche Gegenstände und Sachverhalte erkennen. Unterschiedliche Perspektiven werden dabei nicht grundsätzlich bestritten.
Der entscheidende Unterschied liegt deshalb in der Bedeutung der Konstruktion. Der Neue Realismus kritisiert insbesondere die Annahme, dass Wirklichkeit vollständig auf menschliche Konstruktionen zurückgeführt werden könne.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“
Erklären Sie die Aussage, dass Gegenstände zugleich real und unterschiedlich interpretierbar sein können.
Mögliche Antwort: Die Aussage bedeutet, dass die Existenz eines Gegenstandes nicht davon abhängt, dass alle Menschen ihn auf dieselbe Weise verstehen. Ein Kreuz kann beispielsweise als materieller Gegenstand tatsächlich vorhanden sein. Unterschiedliche Menschen können ihm jedoch unterschiedliche Bedeutungen zuschreiben.
Für eine christliche Person kann das Kreuz ein Symbol für Jesus Christus, Leiden, Erlösung und Hoffnung sein. Eine kunsthistorisch interessierte Person kann dasselbe Kreuz als Kunstgegenstand betrachten. Eine weitere Person kann es hauptsächlich als historisches Symbol wahrnehmen.
Die unterschiedlichen Interpretationen bedeuten nicht, dass der materielle Gegenstand dadurch verschwindet oder nur eine Konstruktion ist. Wirklichkeit und Interpretation können deshalb unterschieden werden, ohne die Bedeutung menschlicher Perspektiven zu bestreiten.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie die Aussage: „Nur das, was naturwissenschaftlich bewiesen werden kann, ist wirklich.“
Mögliche Antwort: Die Aussage ist problematisch, wenn naturwissenschaftliche Nachweisbarkeit mit Existenz gleichgesetzt wird. Naturwissenschaften besitzen geeignete Methoden, um zahlreiche Vorgänge der materiellen Wirklichkeit zu untersuchen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass ausschließlich naturwissenschaftlich untersuchbare Sachverhalte wirklich sind.
Beispielsweise sind Gedanken, Erinnerungen, Bedeutungen oder moralische Konflikte Bestandteile menschlicher Wirklichkeit, obwohl sie nicht auf dieselbe Weise wie Länge, Masse oder Temperatur untersucht werden. Die Sinnfeldontologie macht darauf aufmerksam, dass Gegenstände und Sachverhalte in unterschiedlichen Zusammenhängen erscheinen können.
Gleichzeitig darf daraus nicht geschlossen werden, jede nicht naturwissenschaftlich überprüfbare Behauptung sei deshalb automatisch wahr. Die Frage nach der Existenz eines Sachverhaltes und die Frage nach der Wahrheit einer konkreten Behauptung müssen unterschieden werden.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, ob unterschiedliche Wirklichkeitsdeutungen bedeuten, dass es keine Wahrheit gibt.
Mögliche Antwort: Für eine relativistische Position könnte sprechen, dass Menschen Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen. Persönliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe, Sprache und Weltanschauungen beeinflussen die Interpretation von Ereignissen. Dadurch können unterschiedliche Deutungen desselben Sachverhaltes entstehen.
Aus der Existenz verschiedener Deutungen folgt jedoch nicht zwingend, dass Wahrheit unmöglich ist. Menschen können unterschiedliche Meinungen über einen Sachverhalt besitzen, obwohl bestimmte Aussagen überprüfbar sind. Eine Tatsachenbehauptung wird nicht allein dadurch wahr, dass jemand von ihr überzeugt ist.
Die Sinnfeldontologie bietet eine weitere Möglichkeit der Differenzierung. Derselbe Gegenstand kann in unterschiedlichen Sinnfeldern auf verschiedene Weise erscheinen. Diese Vielfalt muss nicht bedeuten, dass jede Aussage beliebig ist. Vielmehr muss geprüft werden, auf welches Sinnfeld sich eine Aussage bezieht und wie sie begründet wird.
Unterschiedliche Wirklichkeitsdeutungen stellen die Frage nach Wahrheit deshalb nicht grundsätzlich infrage. Sie machen vielmehr eine sorgfältige Prüfung von Perspektiven, Begriffen und Begründungen erforderlich.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage: „Was im Internet häufig behauptet wird, wird dadurch noch nicht wahr.“
Mögliche Antwort: Der Aussage ist zuzustimmen, weil die Häufigkeit einer Behauptung kein ausreichendes Kriterium für ihre Wahrheit darstellt. Eine falsche Information kann sehr häufig verbreitet werden, ohne dadurch zu einer zutreffenden Beschreibung der Wirklichkeit zu werden.
Der Neue Realismus bietet hierfür einen geeigneten philosophischen Bezug. Wenn eine Wirklichkeit unabhängig von unseren Meinungen und Interpretationen existiert, müssen Aussagen daran gemessen werden, ob sie mit den entsprechenden Sachverhalten übereinstimmen und sich angemessen begründen lassen.
Gerade in digitalen Medien ist deshalb die Unterscheidung zwischen Behauptung, Meinung, Interpretation und überprüfbarer Tatsache wichtig. Quellen müssen geprüft, unterschiedliche Informationen miteinander verglichen und Belege berücksichtigt werden. Die Anzahl der Personen, die eine Behauptung teilen, ersetzt diese Prüfung nicht.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, ob naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen als unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit verstanden werden können.
Mögliche Antwort: Für eine solche Unterscheidung spricht, dass naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen häufig unterschiedliche Fragestellungen verfolgen. Naturwissenschaften untersuchen beispielsweise, wie bestimmte Vorgänge ablaufen und welche Ursachen und Gesetzmäßigkeiten sich empirisch feststellen lassen. Religiöse Aussagen beschäftigen sich häufig mit Fragen nach Sinn, Hoffnung, Verantwortung, Schöpfung und dem Verhältnis des Menschen zu Gott.
Am Beispiel des Wassers lässt sich dies verdeutlichen. Naturwissenschaftlich kann Wasser hinsichtlich seiner chemischen Zusammensetzung und seiner physikalischen Eigenschaften untersucht werden. Im christlichen Sinnzusammenhang kann Wasser bei der Taufe zugleich eine religiöse Bedeutung besitzen. Beide Aussagen beziehen sich auf Wasser, betrachten es jedoch unter unterschiedlichen Gesichtspunkten.
Allerdings dürfen unterschiedliche Wirklichkeitszugänge nicht als einfache Lösung für jeden möglichen Widerspruch verwendet werden. Wenn zwei Aussagen tatsächlich denselben überprüfbaren Sachverhalt betreffen und sich widersprechen, müssen die jeweiligen Gründe und Erkenntnismethoden untersucht werden.
Die Annahme verschiedener Wirklichkeitszugänge kann deshalb helfen, Naturwissenschaft und Religion differenziert miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie macht jedoch eine Prüfung konkreter Wahrheitsansprüche nicht überflüssig.
Aufgabe 11, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie, ob Gabriels Sinnfeldontologie einen geeigneten Ansatz für das Verständnis religiöser Wirklichkeit darstellt.
Mögliche Antwort: Gabriels Sinnfeldontologie kann für die Beschäftigung mit religiöser Wirklichkeit hilfreich sein, weil sie Wirklichkeit nicht auf einen einzigen Bereich reduziert. Ein Gegenstand kann in unterschiedlichen Sinnfeldern erscheinen. Dadurch lässt sich beispielsweise erklären, weshalb ein Kirchengebäude zugleich ein materielles Bauwerk, ein historischer Gegenstand und ein religiöser Ort sein kann.
Für religiöse Fragestellungen eröffnet dies die Möglichkeit, religiöse Bedeutungen ernst zu nehmen, ohne naturwissenschaftliche oder historische Beschreibungen ausschließen zu müssen. Verschiedene Perspektiven können unterschiedliche Aspekte eines Gegenstandes erschließen.
Die Sinnfeldontologie beweist allerdings nicht die Wahrheit bestimmter religiöser Aussagen. Aus der Annahme unterschiedlicher Sinnfelder folgt beispielsweise nicht automatisch, dass Gott existiert. Entsprechende Wahrheitsansprüche müssen weiterhin eigenständig begründet und diskutiert werden.
Für den Religionsunterricht ist die Sinnfeldontologie daher besonders als Denkmodell geeignet, mit dem unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit unterschieden und aufeinander bezogen werden können.
Aufgabe 12, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Eine Gesellschaft braucht die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, damit Menschen verantwortlich handeln können.“
Mögliche Antwort: Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist für verantwortliches Handeln von großer Bedeutung. Menschen müssen Entscheidungen auf der Grundlage von Informationen treffen. Wenn grundsätzlich nicht mehr zwischen zutreffenden und unzutreffenden Tatsachenbehauptungen unterschieden würde, könnten Entscheidungen leicht durch Täuschungen und Manipulation beeinflusst werden.
Dabei muss zwischen sachlicher Wahrheit und moralischer Bewertung unterschieden werden. Die Feststellung, was tatsächlich geschehen ist, beantwortet noch nicht automatisch die Frage, wie dieses Geschehen moralisch zu beurteilen ist. Für ein verantwortliches Urteil werden zusätzlich Werte, Normen und Argumente benötigt.
Der Neue Realismus kann in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass Wirklichkeit nicht beliebig an persönliche Wünsche angepasst werden kann. Verantwortliches Handeln setzt deshalb sowohl die Bereitschaft voraus, Tatsachen anzuerkennen, als auch die Fähigkeit, deren Bedeutung und moralische Konsequenzen kritisch zu beurteilen.