Das Medium „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ aus der Reihe Informationen zur politischen Bildung der Bundeszentrale für politische Bildung bietet eine umfassende und zugleich stark biografisch ausgerichtete Darstellung des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur. Ausgangspunkt ist ein weiter Widerstandsbegriff, der unterschiedliche Formen des Handelns zwischen Selbstbehauptung, Verweigerung, Protest, Gegenöffentlichkeit und aktivem Widerstand berücksichtigt. Das Medium macht deutlich, dass Widerstand von einer kleinen Minderheit getragen wurde und aus unterschiedlichen politischen, ethischen und religiösen Überzeugungen erwachsen konnte. Behandelt werden unter anderem der Widerstand aus der Arbeiterbewegung und aus christlichem Glauben, Widerstand im Exil, militärische und zivile Opposition, Georg Elser, die Weiße Rose, die Rote Kapelle, der Kreisauer Kreis, der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 sowie Formen des Widerstands von Jugendlichen, Juden, Sinti und Roma und Häftlingen. Auch die Unterstützung Verfolgter und der Widerstand gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung werden thematisiert. Das Heft verbindet die Darstellung gesellschaftlicher Gruppen mit zahlreichen Biografien und konkreten Handlungssituationen und zeigt dadurch die Vielfalt der Motive, Möglichkeiten und persönlichen Risiken widerständigen Handelns. BPB_593-16_IzpB 330_ Widerstand… Ein abschließender Teil widmet sich der Wahrnehmung und Würdigung des Widerstands nach 1945 und eröffnet damit zusätzlich eine erinnerungskulturelle Perspektive.
Für den Religionsunterricht eignet sich das Medium besonders, weil Widerstand nicht ausschließlich als historisches oder politisches Phänomen behandelt werden muss, sondern grundlegende Fragen nach Gewissen, Verantwortung, Schuld, Freiheit, Menschenwürde, Mut und Zivilcourage eröffnet. Besonders ergiebig ist die im Medium angelegte Frage, warum einzelne Menschen trotz erheblicher persönlicher Gefährdung handelten, während große Teile der Gesellschaft sich anpassten oder das Regime unterstützten. Die Lernenden können anhand ausgewählter Biografien Motive für Widerstand herausarbeiten und untersuchen, welche Rolle religiöse Überzeugungen, politische Werte, persönliche Erfahrungen und moralische Entscheidungen spielten. Das Medium selbst betont, dass Widerstand aus ethischen, politischen und religiösen Grundüberzeugungen hervorgehen konnte und sowohl auf individuellen Entscheidungen als auch auf gemeinsamen Überzeugungen innerhalb bestimmter Gruppen beruhte.
Für den Religionsunterricht bietet sich insbesondere eine vertiefende Beschäftigung mit dem Widerstand aus christlichem Glauben an. Dabei sollte nicht der Eindruck einer pauschal widerständigen Haltung der Kirchen entstehen. Vielmehr können Lernende nach konkreten Handlungsspielräumen einzelner Christinnen und Christen sowie christlicher Gemeinschaften fragen und untersuchen, wann die Verteidigung des eigenen Glaubens in eine grundsätzliche Opposition gegenüber staatlichem Unrecht überging. Das Medium weist ausdrücklich darauf hin, dass Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen sowie Angehörige kleinerer Religionsgemeinschaften staatlichen Eingriffen in die Freiheit des Glaubens entgegentraten.
Methodisch bietet sich zunächst eine arbeitsteilige Erschließung verschiedener Biografien und Widerstandsgruppen an. Die Lernenden können jeweils nach Ausgangssituation, Motivation, Wertorientierung, konkreter Handlung, persönlichem Risiko und Folgen fragen und ihre Ergebnisse anschließend vergleichen. Besonders produktiv ist die Entwicklung einer Skala, auf der Verhaltensweisen wie Anpassung, Distanz, Verweigerung, Protest und aktiver Widerstand eingeordnet und diskutiert werden. Dabei sollte deutlich werden, dass solche Kategorien Orientierung ermöglichen, historische Entscheidungen aber nicht vorschnell vereinfachen dürfen. Gerade die Frage, ab welchem Punkt eine Handlung als Widerstand bezeichnet werden kann, ermöglicht ein begründetes Sachurteil und eröffnet zugleich ethische Diskussionen. Das Medium zeigt Widerstand ausdrücklich als Prozess und stellt das Spektrum von Begeisterung und Anpassung über Distanz und Opposition bis zum Widerstand heraus.
Ergänzend können Fotografien, Flugblätter, Reden, biografische Darstellungen und weitere Quellen des Mediums in einer Quellenanalyse erschlossen werden. Ein Vergleich mehrerer Personen verhindert dabei die Konzentration auf einzelne bekannte Akteure und macht sichtbar, dass Widerstand in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen stattfand. Besonders für jüngere Lernende kann der Abschnitt über jugendlichen Widerstand einen lebensweltlich anschlussfähigen Zugang bieten, da hier Fragen nach Gruppenzugehörigkeit, Selbstbestimmung, Anpassungsdruck und persönlicher Freiheit unmittelbar hervortreten. Das Medium beschreibt dabei sowohl politisch und religiös motivierte Jugendgruppen als auch Jugendliche, die sich durch Lebensstil und die Verteidigung ihrer Unabhängigkeit der Vereinnahmung durch das Regime widersetzten.
Für eine abschließende Urteilsphase können die historischen Beispiele auf gegenwärtige Fragen bezogen werden: Wann verlangt das Gewissen Widerspruch? Welche Verantwortung trägt ein Mensch gegenüber staatlichem Unrecht? Wo liegen die Grenzen des Gehorsams? Welche Bedeutung haben Menschenwürde und Zivilcourage für demokratisches Zusammenleben? Ein solcher Transfer sollte historische Situationen nicht mit gegenwärtigen Konflikten gleichsetzen, sondern die Lernenden dazu befähigen, Kriterien verantwortlichen Handelns zu entwickeln. Besonders geeignet ist hierzu auch die im Medium hergestellte Verbindung zum Widerstandsrecht des Grundgesetzes und zur Frage nach individuellen Handlungsmöglichkeiten bei einer Gefährdung der demokratischen Ordnung.
Auf diese Weise kann das Medium sowohl für historische Orientierung als auch für ethisches Lernen, religiöse Urteilsbildung und die Auseinandersetzung mit eigener Verantwortung eingesetzt werden.