Für den Religionsunterricht bietet das Medium einen besonders ergiebigen Zugang zu religiösen, ethischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, weil die Hungertücher nicht lediglich biblische Geschichten illustrieren. Sie interpretieren biblische Texte aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven und bringen sie mit konkreten Erfahrungen von Menschen in verschiedenen Teilen der Welt in Verbindung. Damit eignen sie sich für einen Religionsunterricht, der ästhetisches Lernen, biblisches Lernen, ethische Urteilsbildung, interkulturelles Lernen und Globales Lernen miteinander verbindet. Die Lernenden können erfahren, dass christlicher Glaube nicht losgelöst von gesellschaftlicher Wirklichkeit verstanden wird, sondern Fragen nach Gerechtigkeit, Menschenwürde, Solidarität, Frieden und Verantwortung einschließt. Die Publikation selbst versteht Kunst als einen Ort des Dialogs, an dem unterschiedliche Menschenbilder und Werthaltungen sichtbar und diskutierbar werden.
Methodisch empfiehlt sich zunächst eine offene Bildbegegnung. Ein ausgewähltes Hungertuch wird möglichst groß präsentiert und zunächst ohne Titel oder Erläuterung betrachtet. Die Lernenden erhalten ausreichend Zeit für eine stille Wahrnehmung. Anschließend sammeln sie Farben, Formen, Personen, Symbole, Bewegungen und auffällige Bildbereiche. Dabei sollte zunächst konsequent zwischen Wahrnehmung und Deutung unterschieden werden. Fragen wie „Was sehe ich?“, „Was fällt mir zuerst auf?“, „Welche Szene zieht meinen Blick an?“, „Welche Stimmung nehme ich wahr?“ oder „Welche Fragen löst das Bild bei mir aus?“ fördern eine eigenständige Annäherung. Erst danach werden Titel, Entstehungsjahr, Herkunft und Hintergrund des jeweiligen Hungertuches einbezogen.
Eine vertiefende Bilderschließung kann arbeitsteilig erfolgen. Gruppen erhalten unterschiedliche Bildbereiche oder Motive und untersuchen diese genauer. Sie beschreiben Personen, Gesten, Symbole und Beziehungen und entwickeln erste Deutungen. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengetragen und auf das Gesamtbild bezogen. Gerade bei komplex aufgebauten Hungertüchern ermöglicht dieses Vorgehen, dass Lernende zunächst überschaubare Ausschnitte erschließen und danach Zusammenhänge erkennen. Die Gruppen können ihre Ergebnisse in Form von kurzen Präsentationen, Bildkommentaren, Sprechblasen, Gedankenblasen oder erläuternden Texten vorstellen.
Besonders wichtig ist die Verbindung der Bilder mit biblischen Texten. Je nach ausgewähltem Hungertuch können beispielsweise Schöpfungstexte, Texte über das Reich Gottes, die Werke der Barmherzigkeit, Passion und Auferstehung, Exodusgeschichten oder das Vaterunser herangezogen werden. Beim Hungertuch von 1980 bietet sich Matthäus 25 an, da Christus und die Werke der Barmherzigkeit ausdrücklich mit menschlichen Grundbedürfnissen und Grundrechten verbunden werden. Lernende können Textstellen einzelnen Bildelementen zuordnen und begründen, wie die künstlerische Gestaltung die biblische Aussage interpretiert. Dadurch wird deutlich, dass ein Hungertuch selbst eine Form der Auslegung biblischer Texte darstellt.
Für eine Unterrichtsreihe bietet sich auch ein historischer Vergleich mehrerer Hungertücher an. Lernende können ausgewählte Werke aus verschiedenen Jahrzehnten betrachten und untersuchen, welche Themen wiederkehren und welche neuen Herausforderungen hinzukommen. Während ältere Hungertücher beispielsweise Barmherzigkeit, Hunger, Armut und Befreiung in den Mittelpunkt stellen, treten in späteren Werken Fragen nach Klimagerechtigkeit, Schöpfungsverantwortung und globalen Krisen besonders deutlich hervor. Das Hungertuch von 2023 stellt mit der Frage „Was ist uns heilig?“ ausdrücklich die Verantwortung für eine verwundete und bedrohte Erde in den Mittelpunkt. Eine solche vergleichende Betrachtung kann zeigen, dass religiöse Kunst auf Veränderungen der Gesellschaft reagiert und christliche Tradition immer wieder auf neue Gegenwartsfragen bezogen wird.
Das Hungertuch von 2021 ermöglicht einen besonders geeigneten Zugang zu den Themen Verletzlichkeit, Menschenwürde, Leid, Heilung und Hoffnung. Ausgangspunkt ist das Röntgenbild eines mehrfach gebrochenen Fußes eines Menschen, der bei einer Demonstration in Santiago de Chile verletzt wurde. Der verletzte Fuß wird zum Zeichen für Menschen, die gesellschaftlich gebrochen und zertreten werden. Zugleich stehen goldene Elemente und Blumen für Hoffnung, Liebe und neu entstehendes Leben. Lernende können hier Symbolgegensätze wie Verwundung und Heilung, Dunkel und Gold, Zerbrechen und Verbinden oder Leid und Hoffnung herausarbeiten. Daran können Fragen anschließen, was Menschen Halt gibt, wie Heilung verstanden werden kann und welche Verantwortung Christinnen und Christen angesichts von Unrecht tragen.
Das Medium eignet sich zudem hervorragend für ethische Lernprozesse. Ausgehend von den Bildern können Lernende nicht nur beschreiben, sondern zunehmend urteilen. Leitfragen können lauten: Was ist gerecht? Welche Verantwortung trägt der einzelne Mensch? Was bedeutet Solidarität? Wo werden Menschenrechte verletzt? Welche Verantwortung haben wohlhabende Gesellschaften? Was bedeutet Bewahrung der Schöpfung konkret? Beim Hungertuch von 2023 kann beispielsweise diskutiert werden, was Menschen als unverfügbar und heilig betrachten und welche Konsequenzen sich daraus für Konsum, Umgang mit Ressourcen und Klimaschutz ergeben. Das Bild versteht die Schöpfung ausdrücklich als Gabe und Aufgabe, die dem Menschen anvertraut ist.
Eine weitere Möglichkeit ist die biografische und kulturelle Erschließung. Die Lernenden beschäftigen sich mit den Kunstschaffenden, deren Herkunft und gesellschaftlichem Kontext. Dadurch wird deutlich, dass die Hungertücher aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven auf den christlichen Glauben schauen. Beispielsweise verbindet das Hungertuch von 1984 christliche Vorstellungen von Leben, Wasser, Licht und Auferstehung mit Symbolen und religiösen Vorstellungen aus Indien und eröffnet damit auch Möglichkeiten zum interreligiösen Lernen. Die Lernenden können untersuchen, welche Symbole ihnen vertraut oder fremd erscheinen und wie christliche Glaubensaussagen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten gestaltet werden.
Auch für die Auseinandersetzung mit Geschlechtergerechtigkeit bietet die Sammlung geeignete Anknüpfungspunkte. Das Hungertuch von 1990 stellt biblische Frauengestalten als Wegweiserinnen zum Reich Gottes vor. Mirjam, Schifra und Pua, Rut, Maria und Elisabeth, die syrophönizische Frau sowie Maria von Magdala werden mit Befreiung, Widerstand, Gerechtigkeit, Glauben und Verkündigung verbunden. Lernende können die dargestellten Frauen mit den entsprechenden Bibeltexten vergleichen und danach fragen, welche Rolle Frauen in biblischen Geschichten übernehmen und welche Bedeutung diese Geschichten für gegenwärtige Vorstellungen von Gleichberechtigung besitzen.
Für handlungsorientierte Lernformen können die Lernenden schließlich ein eigenes Hungertuch entwerfen. Ausgangspunkt kann die Frage sein, welches Thema heute auf einem Hungertuch erscheinen müsste. Denkbar sind Frieden, Krieg, Einsamkeit, soziale Ungleichheit, Klimaveränderung, Migration, Ausgrenzung, Menschenwürde oder Hoffnung. Die Lernenden wählen eine biblische Aussage, entwickeln Symbole und gestalten daraus einen eigenen Entwurf. Dabei sollte nicht allein das künstlerische Ergebnis bewertet werden. Entscheidend sind die begründete Auswahl der Symbole, die Verbindung mit einem biblischen Text und die nachvollziehbare religiöse oder ethische Aussage.
Als Abschluss einer Unterrichtseinheit kann eine kleine Ausstellung entstehen. Gruppen übernehmen jeweils ein Hungertuch und verfassen einen kurzen Ausstellungstext, entwickeln Fragen für Betrachtende und wählen einen passenden Bibelvers. Die Arbeiten können chronologisch angeordnet werden, sodass die Entwicklung der MISEREOR Hungertücher seit 1976 sichtbar wird. Eine abschließende Reflexion kann danach fragen, welches Hungertuch die Lernenden besonders anspricht, welche Frage sie aus der Beschäftigung mit den Bildern mitnehmen und welche Konsequenzen sich für das eigene Leben ergeben. Auf diese Weise werden Wahrnehmung, Wissen, religiöse Deutung, ethische Urteilsbildung und Handlungsorientierung miteinander verbunden.
Der Einstieg gelingt über das Wort "selig". Dazu werden Assoziationen in Stichworten und Partnerarbeit festgehalten. Diese Assoziationen werden mit einem Auszug aus einem Bibellexikon verglichen. Anschließend wird die Bibelstelle Mt 5,1-7,29 mit eigenen Begriffen anstelle des Wortes "selig" umgeschrieben. Dazu wird ein Material vorgegeben. Die Bibelstelle wird zusammengefasst und versucht den Inhalt des Wortes "selig" zu erfassen. Auch Selige und deren Bezug zu Armut wird untersucht. Als Hausaufgabe wird eine Collage zu den Seligpreisungen Jesu erstellt.
In einem nächsten Schritt wird das Zitat zum Kamel und dem Nadelöhr untersucht. Dies führt zu Jesu Kritik der Reichen und des Reichtums in Stichworten. Ein Interview mit Papst Franziskus zur "Option für die Armen" wird auf sein Kirchenbild hin untersucht. In einem weiteren Schritt wird das Hungertuch auf zusätzliche Formen von Armut hin geprüft. Diese werden in Stichworten festgehalten. In einem letzten Schritt wird nach einer Webrecherche eine frei wählbare charitative Organisation über ihre regionale und weltweite Arbeit erfasst. Ein Material mit einer Tabelle unterstützt dabei.