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Stefan Scholz

Rezension: Catrin Misselhorn: Künstliche Intelligenz – das Ende der Kunst?

Veröffentlichung:10.2.2025

Rezension der Veröffentlichung Künstliche Intelligenz – das Ende der Kunst? von Catrin Misselhorn, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Das Ende der Kunst wäre eingeläutet, wenn entweder der Künstler als Urheber eines Kunstwerkes obsolet wäre, weil eine maschinelle Intelligenz an seiner statt Objekte hervorbrächte, die von Menschen als Kunst rezipiert würden, oder die Bedeutung von Kunst sich erschöpft hätte, weil Künstler letzte Bilder geschaffen hätten, über die hinaus keine weiteren von Bedeutsamkeit geschaffen werden könnten (Kasimir Malewitsch, Ad Reinhardt, u.a.), oder ein technisch erzeugtes Bild wie eine Photographie das künstlerisch geschaffene bei weitem überträfe oder die Kunst als „Magd“ der Philosophie letztlich dieser die Deutung der Welt allein überlassen müsste (Hegel). Mit Arthur C. Danto definiert Catrin Misselhorn Kunst als Weltdeutung in Form einer Metapher, die eine Bedeutung transportiere, die sich erst in einer Interpretation durch den Rezipienten enthülle, wenn dieser möglichst viele Kontexte, in die ein Kunstwerk hineingestellt ist, mit berücksichtigt und so durch das Kunstwerk zu einer Weltdeutung gelangt, zu der er ohne jenes Kunstwerk nicht gelangt wäre. Die durch das Kunstwerk intendierte Bedeutung bedingt einen künstlerischen Autor, der in seinem Kunstwerk seinen Willen zur Weltdeutung ausdrückt. Wer seinen Willen durch etwas wie Kunst ausdrückt, trägt dafür auch eine ästhetische Verantwortung in dem Sinne, dass ihm die Implementierung einer Deutung zugeschrieben werden kann. Diese Definition erlaubt es Catrin Misselhorn, zu folgern, dass Kunst eines menschlichen Autors bedürfe, der intentional seine Weltdeutung anderen durch sein Kunstwerk präsentiert und zur Diskussion stellt. Durch differenzierte Analysen individueller und kollektiver Autorenschaft gelingt es der Verfasserin plausibel, einen Autor als notwendigen Urheber von Kunst auszumachen. Im Umkehrschluss kann man jedem von Künstlicher Intelligenz generierten Objekt den Charakter eines Kunstwerks absprechen, weil eine maschinelle Intelligenz über kein deutungsfähiges Selbstbewusstsein verfügt. Folgerichtig definiert Misselhorn jede von Künstlicher Intelligenz generierte Kunst als Fälschung, die aber vom Rezipienten immer weniger als solche erkannt werden kann. In der Kunsttheorie kann die menschengemachte Kunst klar abgegrenzt werden durch philosophische Kategorien von durch Künstliche Intelligenz generierten Objekten, die in ihrem Kunstanspruch als Fälschungen entlarvt werden. In der Kunstpraxis, d.h. in der durch die digitalen Medien erzeugten Bilder, die ex prompto durch Künstliche Intelligenz von jedem geschaffen werden können, ist diese Unterscheidung de facto nicht mehr möglich, weil eine menschliche Autorenschaft im Sinne von Weltdeutung nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. In der Praxis menschlicher Wahrnehmung wird es also zukünftig der Regelfall sein, dass von Künstlicher Intelligenz generierte Objekte als Kunstwerke rezipiert werden, weil die Künstliche Intelligenz selbst als bewusst handelnde Person erfahren wird, deren vermeidlicher Intention der Betrachter nachspürt und so sich einen Autor erschafft, der an sich nicht existiert. Somit könnte nur ein detailliertes Hintergrundwissen jene philosophische Analyse ermöglichen, die Misselhorn anempfiehlt, um Kunst von Fake zu unterscheiden. In der Praxis wird auch das Fake im Betrachter Deutungen hervorrufen, die ihm als Zuruf einer Person gelten, selbst wenn dahinter eine Maschine steht. Letztlich wird sich nur der Rezipient verantworten müssen für das, was aus seiner Begegnung, u.a. mit Kunst, ihm an Handlungen erwächst, während die Autorschaft und deren Verantwortung sich im Dunkel des Digitalen verliert. Daraus würde sich das Postulat des Analogen als Gegengewicht zum Digitalen ergeben. Jean-Paul Sartres nüchterne Analyse, der einzelne sei qua Menschsein verantwortlich für alles, was geschieht, obwohl das allermeiste seiner direkten Verantwortlichkeit entzogen ist, als letzte Konsequenz, den Menschen in seiner Würde als Freiheit zu begründen nach dem Tod Gottes, als Metapher für einer dem Menschen vorgegebenen Ordnung, gewinnt vor dieser Analyse Catrin Misselhorns eine eher bedrückende Aussicht. Künstliche Intelligenz intendiert den Glauben an ihre personale Wirklichkeit und zwingt den Rezipienten, sie als seinesgleichen anzuerkennen, weil es für ihn in der Praxis nicht mehr unterscheidbar ist, ob ihm in einem digital Präsentierten ein von einem Menschen Gewirktes oder ein von einer Maschine Gemachtes begegnet. Von dort her wird es nur ein kleiner Schritt sein, dass sich Menschen in ihrer Selbstbeschreibung als Mensch technischer Begriffe und maschineller Metaphern bedienen werden, um sich der vermenschlichten Maschine als ebenbürtig anzudienen. In diesem Diskurs geht es vordergründig um Kunst, mit der Fragwürdigkeit, was Kunst und was Fälschung ist, letztlich aber um das Selbstverständnis des Menschen. Was bedeutet das alles? Stuttgart: Reclam Verlag. 2023 152 Seiten 8,00 € ISBN 978-3-15-014355-1

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