Im ersten Teil zeichnet Obermann das Profil der Auszubildenden: Der Begriff löst ältere, verniedlichende Bezeichnungen (Lehrling, Stift) ab. In Deutschland gab es 2022 ca. 1,26 Millionen Auszubildende (Tendenz sinkend). Der „Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife" der Bundesagentur für Arbeit beschreibt die schulischen, fachlichen und personalen Kompetenzen, die Voraussetzung für den Eintritt in das Ausbildungssystem sind. Anders als die „Regelinklusion" ins Studium ist die „Marktinklusion" in die Berufsausbildung mit der Option des Scheiterns verknüpft und von Faktoren wie Region, sozialem Hintergrund und Klang des Namens (Migrationshintergrund) beeinflusst. Für die Berufswahl sind nach BIBB-Studien Spaß, Zukunftssicherung und Berufsimage entscheidend; ein negatives Berufsimage kann zur Zumutung für die eigene Identität werden.
Der zweite Teil entfaltet die Bedeutung religiöser Bildung für Auszubildende. Obermann betont, dass Auszubildende als junge Erwachsene in Umbruchssituationen (finanzielle Unabhängigkeit, Identitätsbildung) konsequent als Subjekte religiöser Bildungsprozesse wahrgenommen werden müssen. Interreligiöse Anteile sind aufgrund der plural-heterogenen Lerngruppen im dualen System hoch. Das Thema Anerkennung verbindet berufliche Erfahrung mit theologischer Reflexion (Rechtfertigung, Gottesebenbildlichkeit, Barmherzigkeit); der Berufsschulreligionsunterricht selbst soll als Ort der Anerkennung erfahrbar werden. Christliches Berufsethos erfordert einen Perspektivwechsel hin auf den Nächsten und die Mitwelt als Sinn beruflichen Handelns.
Das zentrale didaktische Konzept des Beitrags sind die Berufsbezüge als hermeneutischer Zugang: Obermann unterscheidet materiale und kategoriale Berufsbezüge. Materiale Bezüge verbinden berufliche Handlungsmuster inhaltlich mit biblischer oder theologischer Tradition (z. B. Holz bei Schreinern → Schöpfungsverantwortung; Hände bei Handwerksberufen → Symbol). Kategoriale Bezüge erschließen das Subjekt der Auszubildenden: Der kategorial-identitätsstiftende Bezug reflektiert Wechselwirkungen von Beruf, Religion und Selbstkonzept (Wer bin ich? Werde ich meine Lebensziele verwirklichen?); der kategorial-transzendierende Bezug erschließt mögliche Transzendenzerfahrungen im Beruf (z. B. unvertügbares Vertrauen in die Tragfähigkeit des Gerüstes beim Gerüstbauer).
Das Fazit formuliert: Religiöse Bildung für Auszubildende gelingt, wenn die Modi der Berufsbezüge didaktisch operationalisiert werden und neben traditionellen religiösen Themen der spezifische Beitrag des Berufsschulreligionsunterrichts zur umfassenden beruflichen Handlungsfähigkeit sichtbar wird.