Strube eröffnet mit einem sozialpsychologischen Befund: Weil direkte Kontakte zu jüdischen Menschen in Deutschland selten sind, prägen biblische Erzählungen, Schlagworte und Bilder bei vielen Schülerinnen und Schülern maßgeblich die Vorstellung vom Judentum. Das macht Bibeldidaktik zu einem zentralen Ort der Antisemitismusprävention – und zugleich zu einem Ort potenzieller Stereotypenproduktion. Gestützt auf Forschungen zur Kontakthypothese (Allport, Pettigrew/Troop) und zur Empathieförderung (Naurath, Teschmer) zeigt sie, dass gute Bibeldidaktik beide entscheidenden Präventionsfaktoren – Kontakt und Mitgefühl – gleichzeitig befördern kann, weil literarische Begegnungen mit biblischen Figuren als jüdischen Menschen emotionale Identifikation ermöglichen und Stereotypisierungen entgegenwirken.Im zweiten Schritt analysiert Strube die historisch gewachsene Verantwortung christlicher Bibeldidaktik: Die Identitätsbildung des Christentums verlief über Jahrhunderte wesentlich durch Othering – die Konstruktion des Judentums als des „Anderen" – und durch Abwertung. Dieser Prozess prägte Bibelauslegung, Katechese und Predigt bis weit ins 20. Jahrhundert. Strube zeigt, wie einzelne neutestamentliche Texte (u.a. Joh 8,44; Mt 27,25) eine fatale Deutungs- und Wirkungsgeschichte entfalteten, die heute bei ihrer Behandlung zwingend mitbedacht werden muss. Zugleich betont sie, dass diese Texte ursprünglich in innerjüdische Identitätskonflikte eingebettet waren und keine generelle Verwerfung des Judentums darstellen.Ein zentraler Abschnitt widmet sich häufig anzutreffenden antijudaistischen Stereotypen in der Bibelauslegung: die Abwertung des Alten gegenüber dem Neuen Testament, die Konstruktion eines „Gottes der Rache" vs. „Gottes der Liebe", die ahistorische Negativdarstellung der Pharisäer als Feinde Jesu, die Behauptung, Jesus habe die Tora „aufgehoben" oder seine Lehre stehe im totalen Gegensatz zu zeitgenössischen jüdischen Positionen. Demgegenüber entfaltet Strube, gestützt auf neuere Exegese (u.a. Frankemölle, Theißen/Merz, New Perspective on Paul, Paul within Judaism), den Forschungskonsens: Jesus war zeitlebens Jude, seine Lehren lassen sich im Judentum seiner Zeit verorten, Paulus verstand sich auch nach Damaskus als Jude und toratreu, die Trennungslinien zwischen Judentum und entstehenden Christentümern verliefen bis ins 5. Jahrhundert über viele kleine regionale Weggabelungen. Doppelgebot der Nächstenliebe, Bergpredigt und Vaterunser haben ihre Wurzeln in der Tora.Der bibeldidaktische Handlungsteil benennt konkrete Strategien zur Überwindung von Stereotypisierung, Pauschalisierung und dualistischem Schwarz-Weiß-Denken: Sichtbarmachung der Individualität und multiplen Identitäten biblischer jüdischer Figuren; Differenzierung zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppen des Neuen Testaments (Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten); konsequente Darstellung Jesu, seiner Familie und seiner Jünger als Jüdinnen und Juden; Aufzeigen von Gemeinsamkeiten jüdischer und christlicher Glaubensweisen; kritischer Umgang mit neutestamentlichen Polemiken, die als innerjüdische Konflikte historisch verortet, nicht aber theologisch affirmiert werden dürfen.Der stufenspezifische Teil differenziert sorgfältig nach Elementarbildung/Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II/Berufskolleg. Für jüngere Kinder empfiehlt Strube u.a. die gezielte Auswahl antijudaismusfreier Kinderbibeln, die Vermeidung polemisierender Figurenzeichnung, das Weglassen vorurteilsbegünstigender Erzählelemente und eine Sprache, die Streitgespräche als rabbinische Diskussionen kennzeichnet. Für die Sekundarstufe I eröffnet sie Anschlüsse an eine von jüdischer Toradidaktik inspirierte „Ambiguitätsdidaktik" und die entwicklungsgemäße Korrespondenz von neutestamentlichen Intergruppenpolemiken mit jugendlichen Identitätserfahrungen. Für die Sekundarstufe II und das Berufskolleg empfiehlt sie die direkte Arbeit mit neuerer exegetischer Literatur, Übersetzungsvergleiche (u.a. Bibel in gerechter Sprache), kritische Mediensichtungen sowie trialogische Zugänge unter Einbeziehung jüdischer und muslimischer Perspektiven.