Der Artikel entfaltet das Verständnis des Martyriums auf drei Ebenen: gegenwärtige Wahrnehmung, historische Entwicklung und systematische Kriterienbildung. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der Begriff Martyrium heute unscharf verwendet wird und häufig mit Leid oder Gewalt gleichgesetzt wird, obwohl er ursprünglich Zeugnis für den Glauben bedeutet. Daraus ergibt sich die zentrale Frage, wofür Menschen ihr Leben hingeben können und sollen.
Historisch unterscheidet der Text drei Phasen. In der frühen Kirche steht das Martyrium im Kontext der Nachfolge Jesu Christi, der Einheit von Kreuz und Auferstehung sowie der Identifikation mit den Leidenden. Märtyrerinnen und Märtyrer bezeugen gewaltlos ihren Glauben und orientieren sich am Sterben Jesu, einschließlich der Feindesliebe und Vergebung. Gleichzeitig kommt es jedoch zu Verzerrungen durch heroische Überhöhungen und antijüdische Tendenzen.
In der konstantinischen Epoche wandelt sich die Kirche zur verfolgenden Institution. Durch die Verbindung von politischer Macht und Dogma entstehen gewaltsame Konflikte innerhalb des Christentums. Martyrium wird nun auch konfessionell instrumentalisiert und dient der Abgrenzung zwischen verschiedenen Gruppen.
Erst in der Neuzeit und besonders im 20. Jahrhundert erfolgt eine grundlegende Erneuerung. Das Martyrium wird wieder als gewaltfreies Zeugnis verstanden, das sich für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden einsetzt. Es entsteht eine ökumenische Perspektive, die auch den Einsatz für andere Religionen und für die gesamte Menschheit einschließt.
Auf dieser Grundlage entwickelt der Artikel eine Kriteriologie des Martyriums. Zunächst bleibt das gewaltsame Sterben ein grundlegendes Merkmal. Entscheidend sind jedoch die Motive der Täter und der Opfer. Das Martyrium muss aus Glaubenshass erfolgen und zugleich ein freier Akt des Glaubens sein. Es darf nicht erzwungen werden und wurzelt in der Beziehung zu Jesus Christus.
Zentral ist die Gewaltlosigkeit. Märtyrerinnen und Märtyrer durchbrechen den Kreislauf der Gewalt durch Vergebung und Liebe. Ihr Handeln ist kein heroischer Akt, sondern Ausdruck der Nachfolge Christi und der in der Taufe gegründeten Existenz. Auch Angst und Zweifel schließen das Martyrium nicht aus, sondern verbinden die Betroffenen mit Jesus im Garten Getsemani.
Darüber hinaus wird das Martyrium zunehmend als öffentliches und politisches Zeugnis verstanden. Es zeigt sich im Einsatz für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden und kann auch von Nichtchristen vollzogen werden, ohne dass diese vollständig in die christliche Tradition eingeordnet werden. Das Martyrium stellt zudem eine ökumenische Herausforderung dar und weist auf die Einheit der Kirche und der Menschheit hin.
Das Gedenken an Märtyrerinnen und Märtyrer hat eine wichtige Funktion. Es bewahrt die Erinnerung an Opfer, fördert Versöhnung und soll dazu beitragen, zukünftige Gewalt zu verhindern. Letztlich wird das Martyrium als wirksames Zeichen des Reiches Gottes verstanden, in dem die gewaltfreie Liebe Gottes in der Geschichte sichtbar wird.