RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
bpb

bpb

Krieg der Religionen.

Veröffentlichung:1.1.2005

Der Fachartikel wurde von Mathias Hildebrandt unter dem Titel „Krieg der Religionen“ verfasst und erschien 2007 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 6/2007. Der vorliegende Text umfasst sechs Seiten. Der Autor untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem Gewaltpotenzial und dem Friedenspotenzial der Religionen. Dabei behandelt er theologische Probleme wie den religiösen Wahrheitsanspruch, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, die Rechtfertigung von Gewalt im Namen Gottes, den Fundamentalismus sowie das Verhältnis von Religion und Politik. Er verdeutlicht, dass religiöse Konflikte selten ausschließlich theologische Ursachen haben, sondern meist durch politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und ethnische Faktoren beeinflusst werden. Religion kann dabei sowohl zur Verschärfung von Konflikten als auch zu Frieden und Versöhnung beitragen.

Products

In seinem Fachartikel „Krieg der Religionen“ beschäftigt sich Mathias Hildebrandt mit der Frage, weshalb Religionen einerseits Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung fördern, andererseits aber auch Gewalt, Intoleranz und kriegerische Auseinandersetzungen legitimieren können. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass Religionen entgegen früheren Erwartungen im Zuge der Modernisierung nicht zunehmend an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung verloren haben. Vielmehr erleben religiöse Traditionen weltweit eine neue Bedeutung, weil moderne politische und gesellschaftliche Ordnungssysteme vielen Menschen keine ausreichende Orientierung und Identität mehr bieten. Religionen werden dadurch erneut zu wichtigen Kräften des politischen Handelns.

Der Autor betont, dass Religionen grundsätzlich durch eine Ambivalenz des Sakralen gekennzeichnet sind. Damit ist gemeint, dass die Erfahrung des Heiligen sowohl faszinierend und sinnstiftend als auch furchteinflößend und bedrohlich sein kann. Religionen versuchen, menschliche Unvollkommenheit, Ungerechtigkeit und Gewalt zu überwinden, indem sie ethische Regeln und Vorstellungen einer gerechten Ordnung vermitteln. Gleichzeitig können sie jedoch selbst Gewalt begünstigen, wenn sie ihre moralischen Vorstellungen als göttlich legitimierte und unumstößliche Wahrheiten verstehen. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse kann dazu führen, dass Menschen mit anderen Überzeugungen ausgegrenzt, abgewertet oder sogar als Feinde betrachtet werden.

Ein zentrales theologisches Problem besteht deshalb im Anspruch, die einzig gültige religiöse Wahrheit zu besitzen. Wenn religiöse Lehren dogmatisch ausgelegt werden und keine unterschiedlichen Interpretationen mehr zulassen, kann daraus Fundamentalismus entstehen. Religiöse Gemeinschaften können dann ihre eigene Identität durch eine scharfe Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen stärken. Besonders gefährlich wird diese Entwicklung, wenn Gewalt als notwendiges Mittel zur Verteidigung des Glaubens oder zur Durchsetzung einer vermeintlich göttlichen Ordnung gerechtfertigt wird. Dabei können Vorstellungen eines gerechten oder heiligen Krieges eine wichtige Rolle spielen.

Hildebrandt macht allerdings deutlich, dass Religionen nicht zwangsläufig zu Gewalt führen. Religiöse Überlieferungen enthalten unterschiedliche Traditionen und Interpretationsmöglichkeiten. Innerhalb derselben Religion können sowohl friedliche und tolerante als auch radikale und gewaltbereite Strömungen entstehen. Deshalb lässt sich keine Religion insgesamt als friedlich oder gewalttätig charakterisieren. Entscheidend ist vielmehr, wie religiöse Texte und Traditionen interpretiert und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie angewendet werden.

Der Autor untersucht anschließend typische Merkmale fundamentalistischer Bewegungen. Diese berufen sich häufig auf eine vermeintlich ursprüngliche und unverfälschte religiöse Lehre. Historische Zusammenhänge werden dabei vernachlässigt, während religiöse Gebote unmittelbar auf die Gegenwart übertragen werden. Gesellschaftliche Krisen erscheinen als Ausdruck eines umfassenden Kampfes zwischen Gut und Böse. Teilweise verbinden sich solche Vorstellungen mit apokalyptischen Erwartungen, nach denen die eigene Gegenwart als entscheidende Phase der Weltgeschichte verstanden wird. Dadurch kann die Bereitschaft entstehen, das eigene Leben zu opfern und die Vernichtung vermeintlicher Feinde zu rechtfertigen. Religiöse Märtyrervorstellungen, die Entmenschlichung des Gegners und die Ablehnung von Kompromissen verstärken diese Entwicklung. Das angestrebte Ziel bleibt häufig eine gerechte und friedliche Gesellschaft, die jedoch paradoxerweise durch Gewalt hergestellt werden soll. In manchen fundamentalistischen Vorstellungen wird diese Ordnung als Gottesstaat verstanden, in dem religiöse Gesetze die politische Herrschaft bestimmen.

Im weiteren Verlauf beschäftigt sich Hildebrandt mit den äußeren Ursachen religiöser Konflikte. Er argumentiert, dass religiöse Gewalt meist nicht allein aus theologischen Meinungsverschiedenheiten entsteht. Vielmehr spielen politische Unterdrückung, wirtschaftliche Benachteiligung, soziale Ungleichheit, kulturelle Veränderungen und die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität eine wichtige Rolle. Besonders bedeutsam ist die Erfahrung tatsächlicher oder empfundener Ungerechtigkeit. Wenn Menschen ihre Lebensweise, ihre gesellschaftliche Stellung oder ihre religiöse Freiheit bedroht sehen, können radikale religiöse Deutungen an Überzeugungskraft gewinnen.

Religion bietet in solchen Krisensituationen Orientierung und ermöglicht es, gesellschaftliche Probleme in einen größeren Sinnzusammenhang einzuordnen. Politische und wirtschaftliche Konflikte werden dadurch religiös interpretiert. Gleichzeitig können politische Akteure religiöse Überzeugungen gezielt nutzen, um Unterstützung zu gewinnen und ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Hildebrandt betont jedoch, dass sich religiöse und weltliche Motive häufig nicht eindeutig voneinander trennen lassen. Religiöse Überzeugungen können politische Ordnungsvorstellungen enthalten, während politische Konflikte zugleich religiöse Identitäten betreffen. Deshalb müssen die Ursachen jedes Konfliktes differenziert untersucht werden.

Anhand verschiedener internationaler Beispiele verdeutlicht der Autor diese Zusammenhänge. In Malaysia existieren sowohl konservative und fundamentalistische als auch progressive muslimische Strömungen, die unterschiedliche politische und gesellschaftliche Ziele verfolgen. In Indonesien haben gesellschaftliche Krisen und die Schwächung bisheriger gemeinsamer Ordnungsvorstellungen zur Radikalisierung bestimmter religiöser Gruppen beigetragen. Dennoch unterscheidet Hildebrandt ausdrücklich zwischen gemäßigten muslimischen Kräften, die demokratische und parlamentarische Wege verfolgen, und radikalen Gruppen, die einen Gottesstaat mit Gewalt errichten wollen.

Auch der Konflikt zwischen Israel und Palästina zeigt nach Hildebrandt, wie sich politische Auseinandersetzungen im Laufe der Zeit religiös aufladen können. Ursprünglich standen vor allem territoriale Ansprüche, politische Herrschaft und wirtschaftliche Ressourcen im Mittelpunkt. Mit dem zunehmenden Einfluss fundamentalistischer Gruppen auf beiden Seiten gewannen religiöse Deutungen jedoch an Bedeutung. Ähnliche Entwicklungen beschreibt der Autor für den Konflikt zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir. Dort verbinden sich territoriale und politische Interessen mit religiösen Identitäten und radikalen Bewegungen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Hildebrandt den ethnoreligiösen Konflikten. Dazu zählt er unter anderem die Auseinandersetzungen in Nordirland, im ehemaligen Jugoslawien, in Sri Lanka und in verschiedenen afrikanischen Staaten. In diesen Konflikten stehen häufig nicht theologische Unterschiede im Vordergrund, sondern Fragen nach politischer Macht, gesellschaftlicher Anerkennung, Selbstbestimmung und wirtschaftlichen Ressourcen. Religion spielt dennoch eine entscheidende Rolle, weil sie zur Ausbildung und Abgrenzung ethnischer Identitäten beiträgt. Menschen definieren ihre Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe teilweise über ihre Religion und unterscheiden sich dadurch von anderen Gemeinschaften.

Besonders konfliktträchtig wird diese Situation, wenn Gruppen sich als benachteiligt, unterdrückt oder existenziell bedroht wahrnehmen. Dabei ist nicht nur die tatsächliche gesellschaftliche Lage entscheidend, sondern auch die subjektive Wahrnehmung. Politische und religiöse Führungspersonen können solche Bedrohungsgefühle verstärken, indem sie die eigene Gemeinschaft als besonders schutzbedürftig darstellen und andere Gruppen zu Feinden erklären. Wird die eigene ethnische Identität zusätzlich religiös überhöht, können territoriale Ansprüche und politische Ziele als göttlicher Auftrag erscheinen. Im Extremfall können solche Entwicklungen zu Vertreibungen, ethnischen Säuberungen und schweren Gewalttaten führen.

Abschließend verdeutlicht der Artikel, dass die pauschale Bezeichnung solcher Auseinandersetzungen als Religionskriege häufig zu kurz greift. Hildebrandt bevorzugt eine differenzierte Betrachtung politisch religiöser Konflikte, weil deren Ursachen meist eng miteinander verflochten sind. Religion ist dabei nicht immer der ursprüngliche Auslöser eines Konfliktes, kann aber dessen Verlauf erheblich beeinflussen und verschärfen. Je stärker die beteiligten Gruppen ihre Ziele als göttlich legitimiert und unverhandelbar betrachten, desto schwieriger werden friedliche Lösungen und Kompromisse.

Die zentrale Aussage des Fachartikels besteht darin, dass Religionen weder grundsätzlich friedensstiftend noch zwangsläufig gewaltfördernd sind. Ihr Einfluss hängt von der jeweiligen Auslegung religiöser Traditionen sowie von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Für den Religionsunterricht ergibt sich daraus die wichtige Erkenntnis, dass Lernende religiöse Gewalt nicht vorschnell einer bestimmten Religion zuschreiben sollten. Vielmehr sollten sie die unterschiedlichen Ursachen religiös geprägter Konflikte erkennen, religiöse Wahrheitsansprüche kritisch reflektieren und zwischen fundamentalistischen und friedensorientierten Auslegungen religiöser Traditionen unterscheiden.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.5 Gefährliche Religion?.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 2. Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – eine Herausforderung an die Christen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.