RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
bpb

bpb

Nicht von dieser Welt

Muslimisches Selbstverständnis, Islamismus und die Rolle der Islamverbände

Veröffentlichung:1.1.2025

Der Fachartikel wurde unter dem Titel „Nicht von dieser Welt. Muslimisches Selbstverständnis, Islamismus und die Rolle der Islamverbände“ von Murat Kayman verfasst und erschien 2025 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 16–19/2025). Der Artikel umfasst sechs Seiten (Seiten 29 bis 34).

Der Autor untersucht das Verhältnis zwischen muslimischer Religiosität, islamistischen Ideologien und der Verantwortung islamischer Religionsverbände in Deutschland. Er kritisiert, dass zahlreiche muslimische Verbände islamistische Entwicklungen verdrängen und ein religiöses Selbstverständnis fördern, das die muslimische Gemeinschaft von der demokratischen Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Zu den zentralen theologischen Problemen gehören der Anspruch auf eine objektive und unveränderliche religiöse Wahrheit, der Umgang mit traditionellen islamischen Glaubensauslegungen, die Ablehnung religiöser Meinungsvielfalt sowie das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Autorität, individueller Glaubensfreiheit und demokratischen Grundwerten. Kayman fordert eine kritische Erneuerung theologischer Positionen und ein muslimisches Selbstverständnis, das gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Verantwortung ausdrücklich bejaht.

Products

Murat Kayman beschäftigt sich in seinem Fachartikel mit dem muslimischen Selbstverständnis in Deutschland, der Entstehung islamistischer Einstellungen und der Verantwortung muslimischer Religionsverbände. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Definition des Islamismus als einer extremistischen Ideologie, die unter Berufung auf den Islam eine religiös begründete Gesellschaftsordnung anstrebt und dabei grundlegende demokratische Prinzipien infrage stellt. Dazu gehören die Volkssouveränität, die Trennung von Staat und Religion, die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung. Auch Antisemitismus stellt nach der vom Autor angeführten Definition ein wesentliches Merkmal islamistischer Ideologien dar. Kayman betont allerdings, dass der Begriff Islamismus problematisch sein kann, weil die Grenzen zwischen religiösen Überzeugungen und politischen Ideologien nicht immer eindeutig verlaufen. Deshalb müsse klar zwischen muslimischer Religionszugehörigkeit und islamistischen Einstellungen unterschieden werden. Muslimische Religionsverbände hätten die Aufgabe, diese Unterscheidung deutlich zu machen und extremistische Glaubensinterpretationen innerhalb ihrer Gemeinschaften zurückzuweisen.

Nach Auffassung des Autors kommen viele muslimische Verbände dieser Verantwortung nicht ausreichend nach. Statt sich kritisch mit islamistischen Vorstellungen auseinanderzusetzen, würden sie das Problem häufig verdrängen. Dabei werde argumentiert, dass islamistischer Extremismus nichts mit dem eigentlichen Islam zu tun habe, da der Islam als wahre Religion grundsätzlich keine extremistischen Überzeugungen hervorbringen könne. Extremistische Täter würden deshalb nicht als Vertreter problematischer religiöser Interpretationen betrachtet, sondern als Personen, die den Islam missbrauchten oder von außen beeinflusst würden. Kayman kritisiert, dass durch diese Haltung eine ernsthafte Auseinandersetzung mit möglichen religiösen Ursachen extremistischer Einstellungen verhindert werde. Viele Verbände betrachteten ihre eigene religiöse Arbeit bereits als ausreichenden Schutz vor Radikalisierung und lehnten besondere Maßnahmen zur Extremismusprävention ab. Dadurch könnten islamistische Prediger insbesondere in sozialen Medien zunehmend Einfluss auf junge muslimische Menschen gewinnen. Diese würden dort mit religiösen Wahrheitsansprüchen konfrontiert, denen innerhalb der etablierten muslimischen Organisationen häufig keine überzeugenden Alternativen entgegengesetzt würden.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Konstruktion muslimischer Identität in Deutschland. Kayman vertritt die These, dass zahlreiche muslimische Verbände ein Selbstverständnis vermitteln, in dem muslimisches Leben vor allem als Gegensatz zur nichtmuslimischen deutschen Gesellschaft erscheint. Muslimische Identität werde dabei weniger als selbstverständlicher Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft verstanden, sondern als Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die ihre religiösen und kulturellen Traditionen gegen äußere Einflüsse verteidigen müsse. Diese Vorstellung bezeichnet der Autor als Fremdheitserzählung. Sie könne dazu führen, dass sich junge muslimische Menschen trotz ihrer Sozialisation in Deutschland nicht vollständig als Teil der Gesellschaft wahrnehmen. Stattdessen werde ihnen vermittelt, dass ihre religiöse Identität nur durch Abgrenzung und Widerstand bewahrt werden könne.

Zur Verdeutlichung seiner Kritik untersucht Kayman verschiedene große muslimische Verbände in Deutschland. Bei der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion, DITIB, sieht er eine starke Orientierung an der Bewahrung türkischer Sprache, Kultur und nationaler Identität. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş, IGMG, betrachtet er als historisch und ideologisch durch die islamistischen Vorstellungen ihres Gründungsumfeldes geprägt. Beim Zentralrat der Muslime in Deutschland, ZMD, verweist er auf die frühere oder bestehende Zugehörigkeit von Organisationen, denen nationalistische oder islamistische Ideologien zugeschrieben werden. Trotz ihrer Unterschiede erkennt Kayman bei diesen Verbänden eine gemeinsame Tendenz, muslimische Religiosität vor allem als Identität zu verstehen, die gegenüber einer als fremd wahrgenommenen Gesellschaft geschützt werden müsse. Dadurch werde die Vorstellung verstärkt, dass muslimisches Leben in Deutschland grundsätzlich in einem Spannungsverhältnis zur gesellschaftlichen Ordnung stehe.

Im weiteren Verlauf beschreibt der Autor, wie solche Identitätsvorstellungen islamistische Radikalisierungsprozesse begünstigen können. Dabei unterscheidet er zwei miteinander verbundene Erzählungen. Einerseits werde die deutsche Gesellschaft als grundsätzlich muslimfeindlich dargestellt. Tatsächliche Diskriminierungserfahrungen würden dadurch nicht als gesellschaftliche Probleme verstanden, die gemeinsam mit demokratischen Kräften überwunden werden könnten, sondern als Beleg für eine dauerhafte Feindschaft gegenüber Muslimen. Andererseits werde die eigene religiöse Gemeinschaft als moralisch und gesellschaftlich überlegen dargestellt. Aus dieser Verbindung von Bedrohungsgefühl und Überlegenheitsanspruch könne ein geschlossenes Weltbild entstehen, in dem die eigene Gemeinschaft als Trägerin der Wahrheit und die übrige Gesellschaft als Gegner erscheine. Kayman betont ausdrücklich, dass die muslimischen Verbände selbst nicht zur Gewalt aufrufen und auch nicht unmittelbar die Abschaffung der demokratischen Ordnung anstreben. Er wirft ihnen jedoch vor, durch ihre religiösen und gesellschaftlichen Deutungsmuster einen ideologischen Nährboden zu schaffen, auf dem extremistische Vorstellungen leichter entstehen könnten.

Besondere Bedeutung besitzt für Kayman das Verhältnis zwischen traditioneller islamischer Theologie und modernen demokratischen Wertvorstellungen. Er kritisiert, dass viele muslimische Verbände historische Glaubensauslegungen als zeitlos gültige religiöse Wahrheiten behandeln. Dabei würden theologische Positionen bewahrt, die ursprünglich unter gesellschaftlichen Bedingungen entstanden seien, die sich grundlegend von heutigen pluralistischen Demokratien unterschieden. Nach Auffassung des Autors enthalten traditionelle religiöse Wissensbestände auch Vorstellungen, die mit Gleichberechtigung, Menschenrechten und der Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe in Konflikt geraten können. Er nennt insbesondere frauenfeindliche, homosexuellenfeindliche, antisemitische und antichristliche Positionen. Eine zeitgemäße islamische Theologie müsse solche Überlieferungen kritisch untersuchen und danach fragen, welche religiösen Auslegungen unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen weiterhin tragfähig seien. Kayman bemängelt, dass entsprechende Reformbemühungen häufig als Angriff auf den Glauben oder als unzulässige Relativierung religiöser Wahrheiten zurückgewiesen würden.

Damit verbindet sich das grundlegende theologische Problem des religiösen Wahrheitsanspruchs. Der Autor beschreibt, dass sowohl konservative religiöse Autoritäten als auch islamistische Gruppierungen häufig von der Existenz eines objektiven und eindeutig bestimmbaren Islam ausgehen. Religiöse Aussagen würden als unveränderliche Wahrheiten betrachtet, über die keine unterschiedlichen Auffassungen möglich seien. Nach Kayman verhindert dieses Verständnis eine offene Auseinandersetzung mit religiösen Texten und Traditionen. Individuelle Glaubensentscheidungen und unterschiedliche Interpretationen würden eingeschränkt, während religiöse Autoritäten beanspruchten, verbindlich über die richtige Form muslimischen Lebens zu entscheiden. Der Autor sieht darin eine problematische Nähe zu islamistischen Denkmustern. Besonders gefährlich werde diese Haltung, wenn abweichenden religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen ihre Berechtigung abgesprochen werde. Die fehlende Bereitschaft, Mehrdeutigkeit und unterschiedliche Deutungen anzuerkennen, könne extremistische Einstellungen begünstigen.

Aus religionspädagogischer Perspektive ist dabei besonders bedeutsam, dass Kayman die individuelle Aneignung religiöser Überzeugungen hervorhebt. Religiosität dürfe sich seiner Auffassung nach nicht auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft und die Befolgung äußerer Vorschriften reduzieren. Vielmehr müsse der einzelne Mensch die Möglichkeit besitzen, religiöse Traditionen eigenständig zu reflektieren und ihre Bedeutung für das eigene Leben zu bestimmen. Wird die richtige Glaubenspraxis ausschließlich durch religiöse Autoritäten festgelegt, könne Religion zu einem Instrument sozialer Kontrolle werden. Die persönliche Gewissensentscheidung trete dann hinter die Erwartungen der Gemeinschaft zurück. Für den Religionsunterricht ergeben sich daraus wichtige Fragen nach religiöser Mündigkeit, der Bedeutung des Gewissens, dem Umgang mit religiösen Wahrheitsansprüchen und der Anerkennung unterschiedlicher Glaubensinterpretationen. Diese pädagogischen Folgerungen lassen sich aus Kaymans Argumentation ableiten, auch wenn der Artikel selbst keine konkrete Unterrichtskonzeption entwickelt.

Als Beispiel für die Folgen eines stark gemeinschaftsbezogenen religiösen Selbstverständnisses behandelt Kayman die Reaktionen auf den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Er beschreibt, dass islamistische Gruppierungen eine eindeutige Parteinahme gegen Israel und jüdische Menschen als Ausdruck muslimischer Solidarität eingefordert hätten. Die Bewertung des Terrorangriffs sei dadurch teilweise zu einer Frage religiöser Gruppenzugehörigkeit geworden. Wer sich der vorgegebenen Interpretation widersetzt habe, habe riskieren können, dass die eigene muslimische Identität infrage gestellt werde. Kayman kritisiert außerdem die aus seiner Sicht zögerlichen Reaktionen muslimischer Verbände auf die Gewalt der Hamas. Dieses Beispiel soll verdeutlichen, wie religiöse Identitätsvorstellungen politische Einstellungen beeinflussen und die eigenständige moralische Urteilsbildung erschweren können.

Im letzten Teil des Artikels fragt Kayman nach der gesellschaftlichen Verantwortung muslimischer Religionsgemeinschaften. Er bemängelt, dass sich viele Verbände hauptsächlich mit der Abwehr von Muslimfeindlichkeit und der Bewahrung ihrer eigenen Gemeinschaft beschäftigten. Dagegen würden allgemeine gesellschaftliche Herausforderungen wie Demokratiegefährdung, soziale Gerechtigkeit oder Armut in Deutschland vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten. Als Beispiel verweist er auf die aus seiner Sicht fehlende öffentliche Positionierung muslimischer Verbände zur AfD im Vorfeld der Bundestagswahl. Auch karitative Aktivitäten würden häufig auf Projekte im Ausland ausgerichtet, während gesellschaftliche Probleme innerhalb Deutschlands weniger Beachtung fänden. Kayman stellt diesem Verhalten die gesellschaftliche Rolle der etablierten Kirchen gegenüber, die sich über ihre eigenen Glaubensgemeinschaften hinaus in öffentliche Debatten und soziale Aufgaben einbrächten.

In diesem Zusammenhang thematisiert der Autor auch den Anspruch muslimischer Verbände auf staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaften und auf den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Nach seiner Auffassung dürfe sich dieser Anspruch nicht auf rechtliche Gleichstellung oder institutionelle Vorteile beschränken. Vielmehr müssten die Verbände eine Vorstellung davon entwickeln, wie sie zum Gemeinwohl und zur demokratischen Gesellschaft beitragen könnten. Dies betreffe auch ihre Zusammenarbeit mit staatlichen Einrichtungen, etwa im Bereich des islamischen Religionsunterrichts und der universitären Theologie. Kayman fordert ein Verständnis religiöser Verantwortung, das nicht ausschließlich auf die Interessen der eigenen Glaubensgemeinschaft ausgerichtet sei, sondern die gesamte Gesellschaft berücksichtige.

Abschließend plädiert Kayman für eine grundlegende Veränderung des muslimischen Selbstverständnisses in Deutschland. Muslimische Religiosität müsse nicht im Gegensatz zur demokratischen Gesellschaft stehen. Vielmehr sollten muslimische Menschen ihre religiöse Identität mit einer selbstverständlichen Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft verbinden können. Die muslimischen Verbände müssten deshalb ihre traditionellen theologischen Vorstellungen kritisch reflektieren, religiöse Meinungsvielfalt anerkennen und sich deutlich von islamistischen Ideologien abgrenzen. Zugleich sollten sie aus eigenem religiösem Antrieb Verantwortung für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Gemeinwohl übernehmen. Die zentrale Forderung des Artikels besteht darin, dass muslimische Religionsgemeinschaften ein positives Verhältnis zur pluralistischen Gesellschaft entwickeln und der islamistischen Behauptung widersprechen, muslimisches Leben könne nur im Widerstand gegen diese Gesellschaft verwirklicht werden.

Der Artikel ist insgesamt als eine pointierte und kritische Position des Autors zu verstehen. Seine Aussagen über muslimische Verbände sind Teil seiner argumentativen Bewertung und sollten im Unterricht als solche eingeordnet und diskutiert werden. Für Lehrkräfte bietet der Text insbesondere Anknüpfungspunkte zur Auseinandersetzung mit religiöser Identität, theologischen Wahrheitsansprüchen, Religionsfreiheit, religiöser Pluralität, Extremismusprävention und dem Verhältnis von Religion und Demokratie.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.5 Gefährliche Religion?.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 2. Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – eine Herausforderung an die Christen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.