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Islamistische Propaganda auf social Media

Veröffentlichung:1.1.2025

Der Fachartikel wurde von Friedhelm Hartwig unter dem Titel „Islamistische Propaganda auf Social Media“ verfasst und erschien 2025 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Ausgabe 16 bis 19/2025. Der Artikel umfasst sieben Seiten (Seite 22 bis 28).

Der Autor untersucht, wie islamistische und salafistische Akteure soziale Medien wie TikTok, YouTube und Instagram nutzen, um insbesondere junge Menschen mit religiösen, politischen und emotionalisierenden Botschaften zu erreichen. Er analysiert die Strategien digitaler Propaganda, die Bedeutung von Algorithmen und die Gefahren schleichender Radikalisierung. Abschließend entwickelt er Empfehlungen zur Prävention und betont die Bedeutung von Medienkompetenz, religiöser Bildung und kritischer Urteilsfähigkeit.

Zentrale theologische Probleme sind der Anspruch auf die einzig richtige Auslegung des Islams, die religiöse Autorität selbst ernannter Prediger, die Abgrenzung zwischen Gläubigen und vermeintlich Ungläubigen sowie die Instrumentalisierung religiöser Überzeugungen für politische Ziele. Weitere Konfliktfelder sind die Vorstellung eines gottgewollten Kalifats, die Verwendung von Angst vor göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis, die Verbreitung apokalyptischer Endzeitvorstellungen sowie die Abwertung anderer Religionen und innerislamischer Glaubensrichtungen. Der Artikel thematisiert außerdem das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Überzeugung, Meinungsfreiheit, demokratischen Werten und gesellschaftlichem Zusammenleben.

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Friedhelm Hartwig untersucht in seinem Fachartikel die Verbreitung islamistischer Propaganda in sozialen Medien und deren Bedeutung für religiöse und politische Radikalisierungsprozesse. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Plattformen YouTube, TikTok und Instagram, die islamistischen und salafistischen Akteuren vielfältige Möglichkeiten bieten, ihre Botschaften zu verbreiten und ein überwiegend junges Publikum zu erreichen. Der Autor verdeutlicht, dass soziale Medien inzwischen zu einem zentralen Einflussfaktor bei der Hinwendung zu religiös begründetem Extremismus geworden sind. Dabei geht es nicht ausschließlich um offen gewaltbereite Organisationen, sondern vor allem um ein breites Umfeld religiöser Influencer, Prediger und politischer Aktivisten, deren Inhalte sich häufig innerhalb der rechtlichen Grenzen der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit bewegen, dennoch aber demokratiefeindliche Einstellungen und Radikalisierungsprozesse fördern können.

Ein grundlegendes Problem besteht nach Hartwig darin, dass junge Menschen bei der Suche nach Informationen über den Islam im Internet sehr schnell auf salafistische oder islamistische Inhalte stoßen. Die Algorithmen sozialer Plattformen verstärken diesen Effekt, indem sie ähnliche Beiträge empfehlen und dadurch die Entstehung geschlossener Informationsräume begünstigen. Innerhalb solcher digitalen Umgebungen werden religiöse Fragen häufig einseitig beantwortet und komplexe gesellschaftliche Probleme auf einfache Erklärungen reduziert. Wissenschaftliche Erkenntnisse, journalistische Berichterstattung und demokratische Institutionen werden dabei vielfach als unglaubwürdig dargestellt. Stattdessen vermitteln die Akteure den Eindruck, ausschließlich ihre eigenen religiösen und politischen Aussagen enthielten die Wahrheit.

Der Autor unterscheidet drei zentrale Gruppen islamistischer und salafistischer Akteure im deutschsprachigen digitalen Raum. Zur ersten Gruppe gehören etablierte salafistische Prediger wie Pierre Vogel und Abul Baraa sowie jüngere Akteure wie Abdelhamid und Ibrahim al Azzazi. Diese Personen konzentrieren sich überwiegend auf religiöse Belehrung, Mission und die Vermittlung bestimmter islamischer Glaubensvorstellungen. Ihre Angebote umfassen neben digitalen Predigten auch religiöse Lehrveranstaltungen, Beratungsangebote, Pilgerreisen und persönliche Lebenshilfe. Obwohl viele dieser Akteure keine umfassende theologische Ausbildung besitzen, werden sie von ihrem überwiegend jugendlichen Publikum häufig als religiöse Autoritäten anerkannt. Dadurch entsteht eine problematische Verschiebung religiöser Deutungshoheit, bei der persönliche Überzeugungen und fundamentalistische Interpretationen als verbindliche Glaubenswahrheiten erscheinen.

Die zweite Gruppe umfasst islamistische Organisationen und digitale Netzwerke, die der in Deutschland verbotenen Bewegung Hizb ut Tahrir nahestehen. Dazu zählen unter anderem die Angebote Botschaft des Islam, Generation Islam, Realität Islam und Muslim Interaktiv. Diese Akteure verfolgen stärker ausgeprägte politische Ziele und propagieren beispielsweise die Errichtung eines Kalifats als angeblich gottgewollte Herrschaftsordnung. Gleichzeitig verbreiten sie die Vorstellung, westliche Gesellschaften und staatliche Institutionen würden den Islam grundsätzlich bekämpfen. Ihre Kommunikationsformen unterscheiden sich deutlich. Während einige Kanäle religiöse Inhalte in unterhaltsamen Geschichten vermitteln, setzen andere auf politische Stellungnahmen, öffentliche Protestaktionen oder professionell gestaltete Kurzvideos. Besonders erfolgreich sind Beiträge, die religiöse Identität mit gesellschaftlichen Konflikten verbinden und dadurch emotionale Zustimmung erzeugen.

Eine dritte Gruppe bilden einzelne Influencer und digitale Persönlichkeiten, die keiner bestimmten islamistischen Organisation eindeutig zugeordnet werden können. Ihre Inhalte verbinden religiöse Aussagen mit persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlichen Themen und Elementen unterschiedlicher extremistischer Ideologien. Besonders auf TikTok erreichen einige dieser Akteure große Aufmerksamkeit. Auffällig ist, dass teilweise bereits sehr junge Menschen im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren mit einem autoritären Anspruch auftreten und religiöse oder politische Belehrungen verbreiten. Ihre Inhalte können dazu beitragen, radikale Aussagen zunehmend als normale Bestandteile öffentlicher Diskussionen erscheinen zu lassen. Diesen Prozess bezeichnet die Forschung als Mainstreaming. Hartwig weist darauf hin, dass die ideologischen Hintergründe solcher Akteure häufig schwer einzuordnen sind und weiterer Forschungsbedarf besteht.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor islamistischer Propaganda liegt in der professionellen Anpassung an die Kommunikationsgewohnheiten junger Menschen. Die Akteure nutzen aktuelle Plattformen, populäre Videoformate und persönliche Gesprächsangebote, um Nähe und Vertrauen aufzubauen. Häufig werden Themen angesprochen, die Jugendliche unmittelbar beschäftigen. Dazu gehören Fragen nach religiöser Identität, persönlichem Glauben, Freundschaft, Ehe, Diskriminierung, Rassismus und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Indem religiöse Belehrungen mit persönlichen Lebensfragen verbunden werden, entstehen emotionale Beziehungen zwischen den digitalen Akteuren und ihrem Publikum. Bekannte Influencer aus der Popkultur werden teilweise gezielt eingebunden, um zusätzliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Darüber hinaus beschreibt Hartwig die systematische Verbreitung von Inhalten über zahlreiche digitale Accounts. Beiträge werden kopiert, verändert, erneut veröffentlicht und von Anhängern auf unterschiedlichen Plattformen weitergegeben. Dadurch entstehen umfangreiche digitale Netzwerke, in denen bestimmte Botschaften dauerhaft präsent bleiben. Selbst wenn einzelne Accounts gesperrt oder gelöscht werden, können die entsprechenden Inhalte weiterhin verbreitet werden. Diese Strategie erhöht die Reichweite islamistischer Propaganda und erschwert ihre Begrenzung durch Plattformbetreiber. Zugleich können differenzierte und sachliche Informationen über den Islam durch die große Menge emotionalisierender Beiträge in den Hintergrund gedrängt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf den religiösen und politischen Erzählmustern islamistischer Propaganda. Besonders verbreitet ist die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen einer vermeintlich guten Gemeinschaft wahrer Muslime und einer angeblich feindlichen westlichen Gesellschaft. Dieses vereinfachende Weltbild unterteilt Menschen in klar voneinander abgegrenzte Gruppen und fördert Misstrauen gegenüber Andersdenkenden. Staatliche Institutionen, Wissenschaft, Medien und politische Parteien werden teilweise als Bestandteile einer umfassenden Verschwörung gegen den Islam dargestellt. Auch muslimische Personen, die sich für demokratische Beteiligung, gesellschaftliche Integration oder unterschiedliche theologische Interpretationen einsetzen, werden als Verräter oder Heuchler diffamiert. Dadurch wird die Vielfalt muslimischer Glaubensvorstellungen ausgeblendet und der Anspruch auf eine einzige gültige religiöse Wahrheit verstärkt.

Besonders problematisch ist nach Hartwig die aggressive Abwertung anderer Religionen und innerislamischer Glaubensrichtungen. Dazu gehören polemische Angriffe auf das Christentum sowie auf schiitische und mystische Traditionen des Islams. In digitalen Auseinandersetzungen zwischen fundamentalistischen religiösen Akteuren entstehen häufig gegenseitige Beschuldigungen und persönliche Angriffe. Die Beteiligten sprechen einander teilweise die Rechtmäßigkeit ihres Glaubens ab, ohne sich ernsthaft mit den Überzeugungen der anderen Seite auseinanderzusetzen. Ein konstruktiver religiöser Dialog wird dadurch erschwert. Statt gegenseitigem Verständnis stehen die Bestätigung der eigenen Überzeugungen und die öffentliche Abwertung anderer Positionen im Vordergrund.

Eine besondere Rolle spielt die vom Autor beschriebene Theologie der Angst. Islamistische und salafistische Propagandisten arbeiten häufig mit drastischen Vorstellungen göttlicher Bestrafung, ewiger Verdammnis und apokalyptischer Ereignisse. Religiöse Botschaften werden dabei mit Warnungen vor einem angeblich bevorstehenden Untergang verbunden. Trost und Hoffnung erscheinen häufig nur unter der Voraussetzung, dass Menschen die jeweiligen religiösen Vorschriften vollständig anerkennen und befolgen. Diese Form religiöser Kommunikation kann insbesondere bei jungen Menschen Unsicherheit, Angst und Abhängigkeit von vermeintlichen Glaubensautoritäten erzeugen. Der Autor zeigt, dass solche Inhalte häufig stark emotionalisiert werden und nur wenig Raum für unterschiedliche theologische Deutungen lassen.

Eng damit verbunden ist eine vereinfachte Darstellung islamischer Geschichte. Salafistische und islamistische Akteure idealisieren häufig die Frühzeit des Islams als Epoche religiöser Reinheit, politischer Stärke und gesellschaftlicher Überlegenheit. Die Gegenwart wird dagegen als Zeit moralischen Verfalls, religiöser Bedrohung und politischer Unterdrückung beschrieben. Islamistische Gruppen betonen dabei besonders die historische Bedeutung des Kalifats und stellen dessen Wiedererrichtung als Lösung gegenwärtiger Probleme dar. Komplexe historische Entwicklungen werden auf einen Gegensatz zwischen einer vermeintlich glorreichen islamischen Vergangenheit und einer feindlichen modernen Welt reduziert. Auch aktuelle politische Konflikte, insbesondere im Nahen Osten, werden häufig in dieses vereinfachende Deutungsmuster eingeordnet.

Hartwig verdeutlicht, dass solche Botschaften nicht zwangsläufig offen zur Gewalt aufrufen müssen, um problematische Wirkungen zu entfalten. Viele Inhalte bleiben formal innerhalb der rechtlichen Grenzen der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Dennoch können sie durch dauerhafte Polarisierung, Feindbilder und religiöse Absolutheitsansprüche zur Radikalisierung beitragen. Besonders schwierig ist der Umgang mit Inhalten, die zwar rechtlich zulässig sind, aber demokratische Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt untergraben. Der Autor weist darauf hin, dass die Sperrung einzelner Accounts sogar unbeabsichtigte Folgen haben kann. Betroffene Akteure nutzen solche Maßnahmen häufig, um sich als Opfer staatlicher Zensur oder gesellschaftlicher Diskriminierung darzustellen. Dadurch können ihre bereits verbreiteten Verschwörungserzählungen zusätzlich bestätigt werden.

Im abschließenden Teil entwickelt Hartwig Handlungsempfehlungen für Politik, Plattformbetreiber, Bildungseinrichtungen und die Zivilgesellschaft. Er fordert einen koordinierten Ansatz, der unterschiedliche gesellschaftliche Institutionen einbezieht. Besonders wichtig erscheint ihm eine Veränderung der Algorithmen sozialer Medien, damit sachliche, differenzierte und wissenschaftlich fundierte Inhalte stärker sichtbar werden. Zugleich sollten Plattformbetreiber transparenter über die Gründe für die Löschung problematischer Inhalte informieren und ihre Verantwortung für demokratische Kommunikationsräume ernst nehmen. Bestehende gesetzliche Regelungen reichen nach Einschätzung des Autors nicht aus, um die problematischen Randbereiche religiös begründeter extremistischer Propaganda angemessen zu erfassen.

Darüber hinaus betont Hartwig die Bedeutung gesellschaftlicher Verantwortung im digitalen Raum. Influencer und andere Produzenten digitaler Inhalte sollten sich an ethischen Grundsätzen orientieren und ihre Wirkung auf junge Menschen kritisch reflektieren. Auch digitale Gemeinschaften benötigen Kompetenzen, um Desinformation, Verschwörungserzählungen und manipulative Kommunikationsstrategien zu erkennen. Menschen, die sich in polarisierten digitalen Räumen für differenzierte Positionen einsetzen, brauchen Unterstützung und gesellschaftlichen Rückhalt. Die Förderung einer konstruktiven Diskussionskultur bildet deshalb einen wichtigen Bestandteil wirksamer Präventionsarbeit.

Für das Bildungssystem ergeben sich daraus erhebliche Herausforderungen. Lernende müssen befähigt werden, digitale Informationen kritisch zu prüfen, religiöse Autoritätsansprüche zu hinterfragen und zwischen sachlicher religiöser Bildung und ideologisch motivierter Propaganda zu unterscheiden. Der Religionsunterricht kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten, indem er unterschiedliche islamische Glaubensvorstellungen sichtbar macht und den Umgang mit religiösen Texten, theologischen Deutungen und gesellschaftlichen Konflikten reflektiert. Besonders bedeutsam sind die Förderung religiöser Urteilsfähigkeit, die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Wahrheitsansprüchen und die Stärkung eines respektvollen interreligiösen Dialogs.

Insgesamt zeigt der Artikel, dass islamistische Propaganda in sozialen Medien ein komplexes gesellschaftliches und religionspädagogisches Problem darstellt. Die Gefahr besteht nicht allein in offen extremistischer Gewaltverherrlichung, sondern insbesondere in der schrittweisen Verbreitung vereinfachender Weltbilder, religiöser Feindbilder und demokratiefeindlicher Überzeugungen. Da sich digitale Plattformen und Kommunikationsformen ständig verändern, müssen auch Bildungsangebote und Präventionsstrategien kontinuierlich weiterentwickelt werden. Für Lehrkräfte bietet der Artikel eine fundierte Grundlage, um mit Lernenden über religiöse Vielfalt, digitale Manipulation, extremistische Ideologien, Meinungsfreiheit und demokratische Verantwortung ins Gespräch zu kommen.

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