Ada G. Wolf setzt sich in ihrem Artikel kritisch mit der Digitalisierung von Bildungsprozessen auseinander. Ausgangspunkt ist die Frage, was überhaupt digitalisierbar ist und ob alles, was digitalisiert werden kann, zugleich auch virtualisiert werden kann. Sie möchte dabei bewusst keine fertigen Antworten liefern, sondern Fragen anregen. Dies entspricht ihrem Bildungsverständnis, denn Bildung ist für sie ein offener Prozess, der von Zweifel, Neugier und der Bereitschaft zum Fragen lebt. Sie unterscheidet dabei zwischen dem Digitalen und dem Analogen. Während digitale Daten eindeutig dargestellt werden, ist das Analoge durch Offenheit, Übergänge und Interpretationsmöglichkeiten gekennzeichnet. Auch menschliches Lernen versteht sie grundsätzlich als analogen Prozess. Deshalb besteht die didaktische Aufgabe nicht einfach darin, möglichst viele digitale Medien einzusetzen, sondern digitale Medien so zu verwenden, dass sie analoge Lernprozesse und Bildungsprozesse ermöglichen.
Kritisch betrachtet die Autorin ein Verständnis von digitaler Bildung, bei dem die Vermittlung von Unterrichtsstoff lediglich auf digitale Medien übertragen wird. Ein Lernvideo allein erzeugt noch keine Bildung. Digitale Medien vermitteln zunächst Daten und Informationen. Wissen entsteht erst dann, wenn Menschen diese Informationen mit ihren Erfahrungen verbinden, ihnen Bedeutung geben und daraus Werteinsichten, Beziehungen oder Anregungen zum Weiterdenken entwickeln. Digitalisierung ist deshalb immer auch eine Verbindung zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Analogem und Digitalem. Das Analoge kann nach Ansicht der Autorin nicht vollständig durch das Digitale ersetzt werden.
An Beispielen aus dem Sprachenlernen zeigt Wolf, dass digitale Angebote nicht automatisch bessere Lernergebnisse hervorbringen. Computergestützte Programme zum Vokabellernen konnten Lernende zwar motivieren, führten aber nicht unbedingt zu einem entsprechend großen Lernerfolg. Außerdem verweist die Autorin auf eine Untersuchung, nach der Studierende, die handschriftliche Notizen anfertigten, bessere Ergebnisse erzielten als Studierende, die dafür einen Laptop verwendeten. Digitalisierung kann somit auch Nachteile für Lernprozesse besitzen.
Entscheidend ist für Wolf der Unterschied zwischen bloßer Stoffvermittlung und Bildung. Bildung umfasst mehr als das Aufnehmen von Informationen oder das Erlernen vorgegebener Vorstellungen von richtig und falsch. Auch bei Werten und Haltungen geht es nicht lediglich um deren Weitergabe. Die Autorin fasst ihren Bildungsbegriff in der Aussage zusammen, dass Bildung die Fähigkeit sei, Gelerntes infrage zu stellen. Gerade bei der Digitalisierung müsse deshalb gefragt werden, wie dieser Bildungsanspruch erhalten werden könne.
Die Erfahrungen während der Coronapandemie verdeutlichen dieses Problem. Virtuelle Begegnungen können praktisch und effizient sein, ersetzen nach Ansicht der Autorin aber nicht alle Qualitäten einer unmittelbaren persönlichen Begegnung. Besonders Werte, Einstellungen und Haltungen entwickeln sich in sozialen Beziehungen. Zur Bildung gehört deshalb auch die Begegnung mit einem körperlich anwesenden Gegenüber. Soziale Authentizität lässt sich nicht vollständig auf eine Begegnung am Bildschirm übertragen. Digitalisierung von Bildung bedeutet daher mehr, als vorhandene persönliche Begegnungen einfach in einen virtuellen Raum zu verlagern.
Besonders deutlich wird dies in der Fernstudiendidaktik. Wolf beschreibt den Fernkurs für den Prädikantendienst in Auslandsgemeinden. Dort sollen neben theologischem Fachwissen auch Handlungskompetenzen, Haltungen sowie personale und soziale Kompetenzen erworben werden. Solche Kompetenzen sind individuell und lassen sich nicht vollständig standardisieren. Dahinter steht für die Autorin eine grundlegende Frage nach dem Menschenbild. Der lernende Mensch kann entweder als standardisierbares und bestimmbares Wesen betrachtet werden oder als einzigartiges, freies und bildungsfähiges Subjekt. Wolf vertritt die zweite Auffassung. Bildungsprozesse müssen deshalb Offenheit ermöglichen und dürfen nicht vollständig auf vorher festgelegte Ergebnisse reduziert werden.
An den Lehrfilmen des Fernkurses zeigt die Autorin, wie dies praktisch umgesetzt werden kann. Für kirchliche Handlungen wie Taufe, Hochzeit und Trauerfeier wurden Filme entwickelt, die bewusst keine eindeutigen richtigen oder falschen Lösungen präsentieren. Stattdessen zeigen sie beispielhaft, wie andere Menschen mit bestimmten Situationen umgehen. Die Lernenden sollen die dargestellten Erfahrungen beobachten, kritisch reflektieren und daraus eine eigene Position entwickeln. Im Lehrfilm zur Beerdigung wurde beispielsweise bewusst ein Trauerredner als Gesprächspartner gewählt. Dadurch werden die Lernenden herausgefordert, ihre eigene theologische und persönliche Position zu bestimmen, statt lediglich ein vorgegebenes Muster zu übernehmen. Die Filme zeigen deshalb keine idealen Beispiele, die einfach nachgeahmt werden sollen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr unterschiedliche Haltungen, Erfahrungen und individuelle Wege.
Abschließend warnt Wolf vor einer unkritischen Digitalisierung des Bildungswesens. Lernprozesse, die lediglich auf Drill und eindeutige Ergebnisse ausgerichtet sind, lassen sich vergleichsweise einfach digitalisieren. Schwieriger ist eine Digitalisierung, die den Menschen als kritisches, freies und eigenständig denkendes Subjekt ernst nimmt. Deshalb hält die Autorin den Vorwurf, das Bildungssystem habe die Digitalisierung lediglich verschlafen, für zu einfach. Statt Digitalisierung um ihrer selbst willen voranzutreiben, sollten Pädagoginnen und Pädagogen kritisch, zweifelnd, offen und neugierig fragen, welche Formen der Digitalisierung tatsächlich Bildung ermöglichen. Nur dann kann ein digitalisiertes Bildungssystem seinen Bildungsanspruch bewahren.