Der Artikel behandelt den sozialisationsbegleitenden Religionsunterricht, eine Unterrichtskonzeption, die von dem evangelischen Praktischen Theologen Dieter Stoodt in den 1970er Jahren entwickelt wurde. Diese Konzeption erweitert den problemorientierten Religionsunterricht durch eine radikale Subjektorientierung und bezieht neben kognitiven auch emotional-affektive sowie therapeutische Dimensionen des Unterrichtshandelns ein. Der Begriff der Sozialisation wird als neuer Zugang für die Religionspädagogik fruchtbar gemacht, mit dem Ziel, defizitäre Verhaltens- und Orientierungsmuster, die durch religiöse Sozialisation entstanden sind, aufzuarbeiten. Stoodt kritisiert die gegenwärtige Form der Religion als "neutralisierte Religion", die systemstabilisierend wirkt und kaum noch kritisches Potenzial entfaltet. Der sozialisationsbegleitende Religionsunterricht verfolgt kognitive, affektive und sozialtherapeutische Ziele auf drei Ebenen: individueller, interpersonaler und gesellschaftlicher Bereich. Zentrale Aufgaben sind die Hilfe zur Selbstfindung und personalen Autonomie, die Förderung von Solidarisierungsfähigkeit sowie die Ermöglichung stellvertretenden Handelns mit emanzipatorischem Anspruch. Die Konzeption nutzt Methoden aus der Gruppendynamik, Spieltheorie und Psychodrama, um Schüler in ihren Sozialisationsdefiziten zu unterstützen. Ein wesentliches Merkmal ist die Stärkung der Resilienz und Mündigkeit von Schülern, während spezifisch religiöse Inhalte eher im Hintergrund stehen. Die Lehrkraft nimmt dabei die Funktion eines Impulgebers für Selbstklärung und Verhaltensänderung an. Obwohl die Konzeption therapeutische Elemente enthält, lehnt Stoodt eine vollständige Therapeutisierung des Religionsunterrichts ab und plädiert für einen "seelsorgerlichen Akzent". Der Ansatz verdankt sich einer empirisch-analytischen Grundausrichtung, die Unterrichtsbeobachtung und Verhaltensdiagnostik einbezieht.