Postkoloniale Theorien bezeichnen ein heterogenes und lebendiges Spektrum theoretischer Zugänge, die sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in kritischer Auseinandersetzung mit europäischem Kolonialismus und Imperialismus entwickelt haben. Der Artikel unterscheidet drei Schwerpunkte: eine politische Perspektive, die auf Dekolonialisierung und Neokolonialismus fokussiert; eine theoretisierende Wende seit den 1980er Jahren, die koloniale Macht als diskursiv vermittelt versteht und Eurozentrismus kritisiert; sowie eine sozialisationsorientierte Perspektive, die das koloniale Erbe in gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen analysiert. Postkoloniale Theorien verstehen sich als Deutungsperspektive sozialer Zusammenhänge mit normativem Anspruch auf Befreiung aus hegemonialen Macht- und Wissensverhältnissen. Kritik und Dekonstruktion sind integraler Bestandteil des postkolonialen Diskurses selbst, wobei zeitgenössisch die Frage nach dem Verhältnis von postkolonialen Theorien und Antisemitismus besondere Aufmerksamkeit erfordert. Der Artikel warnt vor oberflächlicher Kritik am Postkolonialismus, die rechtspopulistischen Ressentiments Vorschub leistet und als Versuch der Verteidigung von Privilegien verstanden werden kann. In der religionspädagogischen Rezeption postkolonialer Theorien wird eine hohe Sensibilität und Differenziertheit gefordert, um nicht in identitätspolitische Pushbacks einzustimmen und analytische Schärfe zu bewahren.