Der Artikel analysiert populistische Strukturen und ihre religionspädagogischen Implikationen. Der Populismus wird charakterisiert durch die dichotome Gegenüberstellung von "Volk" gegen "Elite" sowie durch einfache Lösungen für komplexe Probleme, Verschwörungstheorien und charismatische Führungsfiguren. Ein zentrales Problem liegt in der mangelnden Differenzierung zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit: Populisten behaupten, den "wahren Volkswillen" unmittelbar zu kennen. Lindner argumentiert, dass religiöse Bildung die Fähigkeit schulen sollte, Wirklichkeitsdeutungen von Wahrheitsgewissheiten zu unterscheiden. Sie orientiert sich dabei an Habermas' Konsenstheorie der Wahrheit, die Wahrheit als pragmatisch bestätigt durch lebensdienliches Handeln versteht, wie Lessings Ringparabel zeigt. Martin Luthers Bibelübersetzung dient als historisches Beispiel dafür, dass Wahrheit durch Vermittlung und Übersetzung im Verständigungsprozess entsteht. Der Artikel plädiert für Mehrperspektivität und komplementäres Denken, das verschiedene Perspektiven als notwendig für adäquate Problemlösung anerkennt. Ein vierstufiges Modell von K. Helmut Reich zeigt, wie komplexe Fragen durch progressive Integration verschiedener Weltanschauungen bearbeitet werden können. Insgesamt wird argumentiert, dass Differenzkompetenz und konsensuale Wahrheitsverständigung gegen populistische Vereinfachungen schützen.