Die objektive Hermeneutik ist ein interpretativ-rekonstruktives Verfahren der qualitativen Sozialforschung, das von Ulrich Oevermann und seinen Mitarbeitern entwickelt wurde. Sie unterscheidet sich von anderen Forschungsmethoden dadurch, dass sie soziale Praxis nicht als von außen beobachtbare Gegebenheiten betrachtet, sondern als durch permanente Deutungen der Akteure konstituierte kommunikative Sphäre. Das zentrale methodologische Anliegen ist es, zwischen subjektiv intendierten Sinngehalten und objektiven Bedeutungsstrukturen zu unterscheiden. Die Methode rekonstruiert zunächst alle möglichen Handlungs- und Sinnoptionen (das Allgemeine) und analysiert dann die konkret vollzogenen Handlungen eines Falls (das Besondere). Ein grundlegendes Konzept ist die Unterscheidung zwischen zwei Ebenen: der Ebene des subjektiv gemeinten Sinns und der Ebene der latenten allgemeinen Sinnstrukturen, die dem Individuum nicht notwendig bewusst sind. Die objektive Hermeneutik geht davon aus, dass individuelles Handeln immer im Horizont gesellschaftlich konstituierter Sinnstrukturen stattfindet und durch ein latentes Regelsystem geleitet wird, das durch Sozialisation erworben wurde. Als analytisches Verfahren orientiert sich die objektive Hermeneutik an der stringenten Auslegung der objektiven, latenten Sinnstruktur von Texten. Sie unterscheidet zwischen bedeutungsgenerierenden Regeln (wie grammatikalische oder moralische Regeln) und Operativierungsregeln. Durch diese methodologische Herangehensweise ermöglicht es die objektive Hermeneutik, von den protokollierten Äußerungen eines Individuums auf die gesellschaftlichen Bedingungen und kollektiv wirkenden Sinnmuster vorzustoßen.