Ruben Zimmermann präsentiert die narratologische Analyse als umfassende Methode zur Untersuchung von Erzähltexten unter erzähltheoretischen Gesichtspunkten. Der Mensch als 'Homo narrans' ist wesensmäßig in Geschichten verstrickt, wobei Erzählungen eine kulturübergreifende Universalie darstellen. Die Pädagogik hat lange erkannt, dass Erzählungen bereits im Kleinkindalter für die Entwicklung von Individualität und sozialer Interaktion essentiell sind. In der Religionspädagogik sind biographische Erzählungen, biblische Quellennarrative und kollektive Meistererzählungen von zentraler Bedeutung für Identitätsstiftungsprozesse. Narratologische Analyse unterscheidet grundsätzlich zwischen der Analyse des Erzählinhalts (story) und der Erzählweise (discours), wobei beide Aspekte eng ineinandergreifen. Der Artikel konkretisiert wichtige analytische Kategorien wie Ereignisse, Handlungssequenzen, Erzählperspektive, Zeit und Figurencharakterisierung. Eine zentrale Erkenntnis ist die Komplexität des Wirklichkeitsbezugs: Auch erfundene Geschichten können Realität widerspiegeln, während authentizitätsbeanspruchende Texte nicht zwangsläufig faktual sind. Neutestamentliche Wundererzählungen werden als 'fantastische Tatsachenberichte' charakterisiert, die faktuale Erzählweise mit fiktiven Inhalten verbinden. Die Analyse von Handlungsverläufen berücksichtigt narrative Techniken wie Prolepsen, Analepsen und Metalepsen. Erzählungen präsentieren etablierte Wirklichkeitssichtweisen und entwerfen zugleich visionäre Gegenwelten, die durch Prozesse der Präfiguration, Konfiguration und Refiguration narrative Identität stiften. Didaktisch fruchtbar kann die narratologische Analyse zeigen, wie kreative Schreibprozesse sprachliche, hermeneutische und kognitive Kompetenzen fördern.