Der Artikel erörtert den Begriff Legende im religionsgeschichtlichen Kontext des Christentums. Legenden werden als narrative Darstellungen des Lebens heiliger oder als heilig geltender Personen definiert, die mithilfe literarischer Strategien Heiligkeit inszenieren und modellieren. Sie unterscheiden sich von Märchen dadurch, dass sie auf historischer Basis entstehen und realistisch verankert sind, während sie sich von Sagen durch die Darstellung vorbildlichen Verhaltens und des göttlichen Handelns abgrenzen. Die Hagiografie beginnt in der Spätantike mit Märtyrererzählungen und entwickelt sich im Mittelalter zu Sammelwerken wie dem Passional und der Legenda aurea. Zentrale Merkmale christlicher Legenden sind die Darstellung von Heiligkeit als Gefäß der göttlichen Präsenz, die Nachfolge Jesu (imitatio Christi) und Wunder als konstitutives Element, das die natürliche Ordnung durchbricht. Wunder manifestieren sich zu Lebzeiten und besonders postmortal durch Heilen, Dämonenaustreibungen und visionäre Erscheinungen. Der Artikel behandelt auch die Verwendung von Legende in biblischen und apokryphen Überlieferungen sowie in komparatistischen religionshistorischen Untersuchungen anderer Religionen. Legenden sind eingebunden in konkrete religiöse Glaubenssysteme und spiegeln die theologischen und religiösen Ideale ihrer jeweiligen Zeit wider. Der Gattungsbegriff Legende bleibt in der Wissenschaft umstritten bezüglich seiner Sinnhaftigkeit und präzisen Abgrenzung zu anderen Textformen.