Der Artikel definiert Heilige Schriften religionswissenschaftlich als schriftlich fixierte, identitätsstiftende Textsammlungen, die für Religionsgemeinschaften als Bezugsrahmen für Transzendenz- und Wertvorstellungen dienen. Die Kanonisierung solcher Schriften ist ein komplexer historischer Prozess, der von Mythenbildung und ritueller Einbindung begleitet wird, wobei die spezifischen Prozesse in verschiedenen Traditionen erheblich divergieren. Der Oberbegriff Heilige Schrift ist daher ein Arbeitsbegriff mit inherenter Unschärfe, der Differenzierungen erfordert. Nach Ninian Smart sind bei der Analyse Heiliger Schriften sieben Dimensionen zu berücksichtigen: mythologische, lehrmäßige, ethische, rituelle, soziale, erfahrungsorientierte und materiale Aspekte. Im deutschsprachigen Raum zeigt sich ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen einer etablierten christlichen Bibeldidaktik mit jahrzehntelanger Tradition und einer noch wenig entwickelten muslimischen Korandidaktik. Die jüdische Toradidaktik, geprägt durch Nechama Leibowitz, betont subjektorientierte, textanalytische Ansätze statt passiven Unterrichtsstil. Der Artikel reflektiert machtsensibel die Dominanz christlich-evangelischer Perspektiven in der Fachdebatte und fordert stärkere Berücksichtigung jüdischer und muslimischer sowie nicht-deutschsprachiger Zugänge ein.