Die Gestaltpädagogik wurde 1977 von Hilarion Petzold als Sammelbegriff etabliert und verbindet Gestalttheorie, Gestaltpsychologie und Gestalttherapie (besonders von Fritz Perls und Paul Goodman) mit schulischer Erziehung. Der zentrale Schlüsselbegriff ist die Gestalt als wahrnehmbare Ganzheit, bei der das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Der Mensch wird als organisch gewachsene Einheit verstanden, die sich in Beziehung zu ihrer Umwelt ständig entwickelt. Das In-Kontakt-Treten mit sich selbst, anderen Menschen und der Umwelt über die sogenannte Kontaktgrenze ist essentiell und an das Hier und Jetzt gebunden. Awareness (bewusste Wahrnehmung mit allen Sinnen) ist zentral für das gestaltpädagogische Verständnis von Lernen als intersubjektives Beziehungsgeschehen. Sieben Elemente (Wahrnehmung, Selbstverantwortung, Wertschätzung, Bezogenheit, Kontakt, Prozess und Kreativität) dienen als Leitlinien für gestaltpädagogisches Handeln. Ein Besonderheit ist die Fokussierung auf die Lehrkraft als Subjekt, deren Selbstwahrnehmung und Diagnosekompetenz als Voraussetzung für authentische Beziehungen gilt. Im religionspädagogischen Diskurs fungiert Gestaltpädagogik hauptsächlich als theoretischer Bezugspunkt für performative Religionsdidaktik und Inklusionspädagogik. In ihrer Reinform scheitert die Umsetzung oft an Rahmenbedingungen des Schulsystems wie Stundenrhythmus, Curricula und Leistungsbeurteilung; daher wird sie primär methodisch und über die Lehrpersonenhaltung integriert.