Thomas Naumann erörtert in seinem Beitrag zur Bibeldidaktik die Bedeutung von Fluchtgeschichten für den Religionsunterricht. Er argumentiert, dass Migration und Flucht in der globalisierten Gegenwart zentrale Herausforderungen darstellen, die unmittelbar in der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern präsent sind. Durch die Wahrnehmung biblischer Texte als Migrationsliteratur können diese in einen Dialog mit gegenwärtigen Lebenserfahrungen gebracht werden. Naumann identifiziert drei Perspektiven der unterrichtlichen Behandlung: erstens das biblische Lernen selbst, das gegenwärtige Fragen zu Flucht reflektiert; zweitens ethisches Lernen bezüglich christlicher Nächsten- und Fremdenliebe; drittens mystagogisches Lernen, das Flucht- und Migrationserfahrungen mit Gotteserfahrung verbindet. Der Artikel hebt hervor, dass biblische Fluchtnarrative sowohl das Leid von Zwangsmigration unverblümt zeigen als auch Hoffnung auf Gottes rettende Fürsorge ausdrücken. Naumann kontextualisiert Flucht in der antiken Gesellschaft vor dem Hintergrund des Ideals bäuerlicher Sesshaftigkeit und zeigt, welche existenzielle Bedrohung der Verlust von Land, Familie und Verwandtschaft bedeutet. Er verweist auf zentrale biblische Fluchtgeschichten wie den Exodus, Abrahams Berufung und die Flucht der Heiligen Familie, die tiefe theologische Bedeutung haben. Der Text betont, dass in biblischen Texten Fluchterfahrungen häufig als Gotteserfahrungen erzählt werden, etwa wenn Gott als Fluchthelfer erhofft wird oder wenn der Umgang mit Fremden zum Ort der Gottesbegegnung wird. Schließlich argumentiert Naumann, dass religiöse Deutung von Flucht und Migration für Schülerinnen und Schüler essenziell ist, um sowohl die traumatisierende Dimension als auch die Hoffnungsperspektive dieser Erfahrungen zu verstehen.