Der Artikel von Michael Roth untersucht das religionspädagogische Phänomen des „Religionsstunden-Ichs" – die Beobachtung, dass Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht Antworten geben, die nicht ihrer sonstigen Denk- und Verhaltensweise entsprechen, sondern den wahrgenommenen Erwartungen des Settings angepasst sind. Der Artikel rekonstruiert zunächst zwei konkurrierende Deutungen: das Religionsstunden-Ich als Krisenphänomen, das unauthentische, schablonierte Antworten produziert und daher abzubauen sei, sowie das Religionsstunden-Ich als unvermeidliche Realität, die im größeren Kontext eines allgemeinen „Schul-Ichs" zu sehen ist und als Schutzraum für persönliche Äußerungen fungieren kann. In einem kritischen Schritt hinterfragt der Autor beide Deutungen grundsätzlich: Da das Selbst kein hinter den Rollen liegendes, unveränderliches Substrat ist, sondern selbst ein Konstrukt ohne eigenständige Existenz, verfehlt die Rede von Authentizität versus Unauthentizität ihr Ziel. Daraus zieht der Artikel zwei weiterführende Schlüsse: Im ethisch-moralischen Kontext geht es nicht darum, das Religionsstunden-Ich zugunsten authentischerer Moral zu überwinden, sondern die Struktur moralischer Urteilsbildung – und damit den theologischen Ort der Sündenlehre – transparent zu machen. Im dogmatisch-religiösen Kontext hingegen ist das Religionsstunden-Ich als Betreten eines religiösen Sprach- und Erfahrungsraums zu verstehen, den zu stärken, nicht abzubauen, die eigentliche Aufgabe des Religionsunterrichts wäre.