Der Artikel stellt ein Interview mit dem Medienanthropologen Manfred Faßler dar, in dem er über die Veränderungen der menschlichen Wahrnehmung und Selbstdeutung durch digitale Technologien spricht. Ausgangspunkt ist die These, dass unser Denken noch immer von einem traditionellen Verständnis von Anwesenheit geprägt ist. In diesem klassischen Verständnis gilt Anwesenheit als physische Präsenz an einem bestimmten Ort. Diese Vorstellung wird jedoch durch digitale Technologien zunehmend verändert.
Faßler erklärt, dass Menschen schon lange teleoperative Formen der Präsenz entwickelt haben. Beispiele dafür sind Statuen oder Urkunden, die stellvertretend für eine Person handeln konnten. In der Gegenwart haben digitale Technologien diese Formen stark erweitert. Durch soziale Netzwerke, Echtzeitkommunikation und digitale Informationssysteme wird Anwesenheit nicht mehr nur durch physische Präsenz hergestellt. Menschen nutzen Technologien, um ihre Anwesenheit zu erzeugen und sichtbar zu machen. Dadurch verändert sich das Verständnis von Gegenwart und Teilnahme.
Digitale Technologien erweitern außerdem die menschliche Wahrnehmung. Der Körper wird durch Geräte wie Datenbrillen, Computer oder Fitnessarmbänder mit zusätzlichen Informationen versorgt. Gleichzeitig produziert der Körper ständig Daten. Diese Daten werden von Unternehmen gesammelt und analysiert und bilden eine Grundlage für wirtschaftliche Prozesse wie Microtargeting oder automatisierte Auswertungen. Das Individuum wird dadurch zu einer Quelle von Daten, die in digitalen Systemen weiterverarbeitet werden.
In diesem Zusammenhang beschreibt Faßler die Entstehung eines digitalen Schattens des Menschen. Durch Sensoren, Algorithmen und Netzwerke entsteht ein automatisierter Zwilling, der ständig Daten verarbeitet und kommuniziert. Das Selbst wird daher nicht mehr nur als souveräne Person verstanden, sondern auch als Teil eines komplexen Datenzusammenhangs. Identität entsteht zunehmend aus dem Zusammenspiel von sozialen Beziehungen, technischen Geräten, Netzwerken und digitalen Plattformen.
Diese Entwicklungen verändern auch gesellschaftliche Strukturen. Traditionelle Begriffe wie Gesellschaft oder Generation verlieren an Erklärungskraft. Stattdessen entstehen kurzfristige Projektumwelten, in denen Menschen weltweit zusammenarbeiten. Lebensläufe verändern sich häufiger, Kompetenzen werden mehrfach im Leben neu entwickelt und soziale Zugehörigkeiten werden flexibler. Faßler spricht in diesem Zusammenhang von Habitaten. Damit meint er Lebenszusammenhänge, die nicht mehr an nationale oder gesellschaftliche Grenzen gebunden sind, sondern aus global vernetzten Kommunikations und Informationsräumen entstehen.
Ein weiterer Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit der Frage nach Wirklichkeit und Deutung. Der Interviewer vergleicht den sakralen Raum einer Kathedrale mit der Erfahrung von Virtual Reality. Faßler betont jedoch, dass es dabei weniger um einen Gegensatz zwischen Sakralität und Ideologie geht, sondern um unterschiedliche Formen der Darstellung und Bedeutung. Menschen geben Dingen Bedeutung und schaffen dadurch symbolische Ordnungen. Auch technologische Darstellungen können solche Bedeutungsprozesse ermöglichen.
Digitale Technologien verändern außerdem das Verhältnis von Wissen, Macht und Beobachtung. Durch umfangreiche Datenspeicherung können immer mehr Informationen verfügbar gemacht werden. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Überwachung und Selbstbeobachtung. Faßler verweist darauf, dass Beobachtung grundsätzlich ein Bestandteil menschlichen Denkens ist. Bereits religiöse Traditionen enthalten Vorstellungen davon, dass der Mensch beobachtet wird. In digitalen Kontexten treten jedoch neue Formen der Kontrolle und Macht auf, die durch technische Systeme organisiert werden.
In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle von Religion angesprochen. Faßler betont, dass Religionen sich mit den neuen Kommunikationsformen und technologischen Entwicklungen auseinandersetzen müssen. Wenn religiöse Traditionen ihre Inhalte nicht in die neuen Informations und Kommunikationsräume einbringen, könnten sie an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig gibt es Bereiche menschlicher Erfahrung, die nicht vollständig digitalisiert werden können. Dazu gehören Kreativität, spontane Intelligenz sowie emotionale Erfahrungen und Krisen des Lebens.
Abschließend weist Faßler darauf hin, dass Menschen auch Gegenbewegungen entwickeln können. Einige Menschen entscheiden sich bewusst gegen bestimmte digitale Plattformen und suchen Räume, in denen sie weniger beobachtet werden. Solche Rückzugsbereiche können neue Formen von Emotionalität und persönlicher Begegnung ermöglichen. Damit bleibt die digitale Entwicklung ein offener Prozess, in dem technologische Möglichkeiten, gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Deutungen ständig neu ausgehandelt werden.