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Von fiesen Nummern

Veröffentlichung:9.7.2025

er Artikel „Von fiesen Nummern“ aus fluter Nr. 83 thematisiert die politische und gesellschaftliche Macht von Zahlen und ihren oft undurchschaubaren Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Entscheiden. Der Philosoph Oliver Schlaudt beleuchtet in einem Interview, wie tief Zahlen unseren Alltag durchdringen – von Pandemie-Indikatoren bis zur Anzahl der Follower in sozialen Medien – und wie gefährlich es sein kann, ihnen blind zu vertrauen. Zwar haben viele Menschen während der Corona-Zeit gelernt, kritischer mit Zahlen umzugehen, doch das Vertrauen in ihre scheinbare Objektivität bleibt groß. Dabei, so Schlaudt, sind Zahlen keineswegs neutral: Sie entstehen in spezifischen Kontexten, unterliegen politischen Interessen und verdecken oft mehr als sie zeigen.

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Zahlen brechen Komplexität herunter, machen Sachverhalte scheinbar eindeutig und messbar. Doch genau darin liegt ihre Schwäche: Sie können leicht missverstanden, falsch interpretiert oder manipulativ eingesetzt werden. In vielen gesellschaftlichen Bereichen – ob bei der Bewertung von Glück durch den „Happy Planet Index“, bei ökonomischem Wachstum oder bei Gesundheitsdaten – erzeugen Zahlen Normen und Druck, ohne die Ursachen komplexer Probleme wirklich zu benennen. So wird etwa Bewegungsmangel individualisiert („Du hast dich zu wenig bewegt“), obwohl er strukturell bedingt ist – etwa durch eine sitzende Arbeitswelt oder fehlende Radwege. Das quantitative Denken rückt so das Individuum in die Verantwortung für gesellschaftliche Missstände und verschleiert damit größere Zusammenhänge.

Im Interview kritisiert Schlaudt auch die allgegenwärtige Wachstumsideologie. Wirtschaftliches Wachstum gilt als alternativlos, selbst wenn es ökologische Zerstörung verursacht – weil es als Voraussetzung gilt, zukünftige Krisen finanziell bewältigen zu können. Doch diese Logik lässt sich in Frage stellen: Sind Klimawandel und Umweltzerstörung nicht gerade eine Folge dieses Wachstums? Statt immer neue Zahlen als Legitimation zu nutzen, müsse wieder über Werte und Ziele diskutiert werden – offen, demokratisch, nicht hinter der Fassade vermeintlicher Objektivität.

Für den Religionsunterricht bietet dieser Text eine hervorragende Grundlage, um mit Schüler*innen über Wahrheit, Verantwortung, Gerechtigkeit und Maßhalten zu sprechen – zentrale Themen vieler religiöser Traditionen. Fragen wie „Was macht ein gutes Leben aus?“, „Wie messen wir den Wert eines Menschen?“ oder „Was bedeutet Gerechtigkeit in einer von Zahlen dominierten Welt?“ lassen sich mit biblischen Motiven wie der Option für die Armen oder der Warnung vor Mammon (Mt 6,24) verbinden. Auch die alttestamentliche Kritik an Überheblichkeit, etwa in der Erzählung vom Turmbau zu Babel, bietet Anschluss: Der Wunsch, alles zu messen, zu berechnen und zu kontrollieren, birgt eine moderne Hybris.

Im Spannungsfeld zwischen Zahlenlogik und ethischem Denken leistet der Artikel wichtige Aufklärung: Er erinnert daran, dass Zahlen Werkzeuge sind – und keine Wahrheiten. Wer Verantwortung übernehmen will, muss lernen, wie Zahlen gemacht werden, und wo ihre Grenzen liegen. Gerade in einer Zeit, in der Datenmengen wachsen und Künstliche Intelligenz Entscheidungen beeinflusst, brauchen junge Menschen dieses kritische Bewusstsein. Der Religionsunterricht kann und sollte hier Räume schaffen, um hinter die Zahlen zu blicken – und neu nach Sinn, Menschlichkeit und Gemeinwohl zu fragen.

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9.7.2025

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Anregung

Menschen & Welt ,Bibel & Tradition ,Kirche

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