Der Artikel stellt Dorothee Sölles Konzept einer widerständigen Schöpfungsspiritualität als zeitgenössisches Angebot für eine spirituell suchende Generation vor. Im Zentrum steht Sölles Verständnis einer mystischen Reise in drei Etappen: Staunen, Loslassen und Widerstehen. Anders als traditionelle Mystik beginnt diese nicht mit Reinigung, sondern mit kindlichem Staunen über die Originalschöpfung als „sehr gut". Sölle propagiert eine „Mystik der großen Augen", die vom Wunder der alltäglichen Schöpfung ergriffen ist und letztlich in einer „via transformativa" mündet – nicht in Entrückung, sondern in die Transformation einer krisengeschüttelten Welt.
Diese theologische Vision hat in der globalen Kirchenlandschaft Widerhall gefunden. Der Ökumenische Rat der Kirchen beschloss 2013 einen „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens", der Kraftorte (positive Projekte ökologischer Achtsamkeit) und Schmerzpunkte (Orte destruktiver Naturverhältnisse) verbindet. In Deutschland führte dies zur Initiative des Klimapilgerns als sichtbares Zeichen für Klimagerechtigkeit. Auch Papst Franziskus' Enzyklika „Laudato Si'" (2015) markiert einen kirchlichen Paradigmenwechsel, indem sie imperiale Lebensstile als strukturelle Sünde kritisiert und auf feministische sowie befreiungstheologische Traditionen zurückgreift, um menschliche Vulnerabilität und die Grenzen technisch-rationalistischer Weltbewältigung zu thematisieren.
Der Autor argumentiert abschließend für die unverzichtbare mystische Dimension dieser Ökospiritualität. Während wissenschaftliche und apokalyptische Argumente den Verstand erreichen, braucht es für echte Verhaltensänderung das Herz: „Man kann nur schützen, was man liebt." Erfahrungen des Staunens und Erzählungen von Menschen, die anders leben, wirken nachhaltiger als Scham oder schwarze Pädagogik. Dies macht Sölles Ansatz für zeitgenössische Klimabewegungen und kirchliche Praxis besonders relevant.