Der Artikel untersucht Bundesgesundheitsminister Jens Spahns Aussage, dass wir uns in der Pandemie „gegenseitig verzeihen müssen", und hinterfragt deren Ambivalenz. Während Verzeihen eigentlich dem persönlichen Bereich angehört und nicht verordnet werden kann, könnte Spahns Äußerung eine raffinierte politische Strategie sein – ein präventives Schuldeingeständnis, das die Geschädigten verpflichtet zu verzeihen und damit von Verantwortungsübernahme ablenkt. Dieser taktische Missbrauch von Verzeihung hätte etwas Gewaltsames, da er den Heilungsprozess überspringt.
Unabhängig von Spahns Intention argumentiert der Autor jedoch überzeugend dafür, Verzeihen gerade in Corona-Zeiten als genuine politische und zwischenmenschliche Tugend zu kultivieren. Die Pandemie hat tiefe Risse in den gesellschaftlichen Konsens offengelegt: Über grundlegende Fragen – von der Gefährlichkeit des Virus über angemessene Maßnahmen bis zu individuellen Freiheiten – herrscht fundamentale Uneinigkeit. Auf dünner Faktenlage führt diese Unsicherheit zu besonders heftigen Konflikten in Familie, Freundeskreis und Arbeitsplatz. Alltägliche Verrichtungen werden zu moralischen Fragen, das Selbstverständliche muss ständig neu bewertet werden. Ohne die Fähigkeit zu verzeihen, drohen Ressentiments die Gesellschaft dauerhaft zu spalten. Verzeihen ermöglicht es, trotz divergierender Überzeugungen und unvermeidbarer Fehler unter Unsicherheit miteinander zu leben.