Romano Guardini (1885-1968) entwickelte mit seinem 1925 erschienenen philosophischen Hauptwerk "Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten" eine innovative Denkstruktur, die zu seiner Zeit wenig Beachtung fand, aber heute durch Papst Franziskus weltkirchliche Relevanz gewonnen hat. Guardinis Gegensatzlehre basiert auf acht sorgfältig differenzierten Gegensatzpaaren – intraempirischen, transempirischen und transzendentalen –, die nicht als Widersprüche oder einfache Synthesen zu verstehen sind, sondern als "lebendig-konkrete konträre Relationen" zweier Momente, die unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert miteinander verbunden bleiben. Diese Charakterisierung verweist auf Christus selbst als Grund dieser Denkweise. Guardini entwickelte sein Werk in intensiver geistiger Gemeinschaft mit seinem Freund Karl Neundörfer, bis dessen tragischer Tod 1926 diese fruchtbare Zusammenarbeit beendete.
Jorge Mario Bergoglio, der spätere Papst Franziskus, beschäftigte sich intensiv mit Guardinis Denken und verfasste 1986-1992 eine Dissertation über die "polaren Gegensätze als Struktur des täglichen Denkens und der christlichen Verkündigung". Er wendete die Gegensatzlehre vor allem auf soziale und gesellschaftliche Fragen an und verdichtete sie zu drei zentralen Gegensatzpaaren und vier Prinzipien seines eigenen Denkens. Diese prägen sein programmatisches Schreiben "Evangelii Gaudium" (2013) maßgeblich, in dem er selbst bestätigt, dass ganze Abschnitte zu den sozialen Prinzipien seiner Guardini-Dissertation entstammen. Damit hat Bergoglio Guardinis Gegensatzlehre vom Rand der Theologiegeschichte ins Zentrum des gegenwärtigen kirchlichen Denkens gerückt.