Der Artikel setzt sich mit Herbert Schnädelbachs grundsätzlicher Kritik am Christentum auseinander, die dieser anlässlich von Papst Johannes Paul II. Schuldbekenntnis vor einem Vierteljahrhundert formulierte. Schnädelbach diagnostizierte dem Christentum unheilbare „Geburtsfehler" wie die Lehre von der Erbsünde, die Deutung des Kreuzes als „blutiger Rechtshandel", den Missionsauftrag, Antijudaismus und eine leibfeindliche Philosophietradition – kurz: eine Religion, die aus Gewalt geboren und von ihr nie losgekommen ist.
Diese Kritik gewinnt im 21. Jahrhundert durch die Missbrauchsskandale drastisch an Aktualität. Der Gewaltvorwurf richtet sich nun konkret gegen systemische sexualisierte Gewalt und den Machtmissbrauch kirchlicher Amtsträger. Die zentrale Frage wird: Hängt dieser gegenwärtige Missbrauch mit jenen theologischen und strukturellen Anfängen zusammen, die Schnädelbach analysierte? Der Autor arbeitet heraus, dass die Kernspannung im Glauben selbst liegt – zwischen der Botschaft Jesu von Friedfertigkeit und Reich-Gottes-Erneuerung einerseits und der Frage andererseits, wer berechtigt ist, zu definieren, was Gott bestimmt. An diesem Punkt zerbricht das Vertrauen in apostolische Autorität, wenn eben jene Nachfolger der Apostel Missbrauch praktizieren und verschleiern.
Der Artikel endet mit einer aporiischen Zuspitzung: Kann man der Botschaft derer vertrauen, die Vertrauen nicht verdienen – möglicherweise von Anfang an? Während das Evangelium selbst und seine Überlieferungsgeschichte unverzichtbar bleiben, bleibt die „Hermeneutik des Verdachts" wirksam geworden und kann nicht mehr überwunden werden.